Berlinale: Pressemitteilungen


Pressemitteilungen 2002

Forum

30.01.2002:
Elektrische Schatten: Fokus China - Programmschwerpunkt des Forums

In seinem diesjährigen Länderschwerpunkt stellt das Internationale Forum des Jungen Films insgesamt 13 Produktionen aus der Volksrepublik China vor: "Elektrische Schatten" heißt das Programm, die wörtliche Übersetzung von "Dian Ying" - `Film" aus dem Chinesischen. Ebenso zufällig wie passend beschreibt dieser Begriff den leidenschaftlichen, sehr engagierten und überraschenden Aufbruch einer neuen Generation von jungen, unabhängigen Filmschaffenden im Schatten des offiziellen China.

Weil die Verfügbarkeit von Digitalequipment diese Lawine ins Rollen gebracht hat, wird in Beijing, dem Zentrum des unabhängigen Films, derzeit gerne auch von der "DV-Revolution" gesprochen. Das ist angesichts der Verhältnisse in China aber alles andere als ein sinnentleerter Werbeslogan: das neue Kino aus China bestürzt, verwundert und provoziert eine Debatte um den dramatischen gesellschaftlichen Wandel des Landes. Vorherrschende Themen sind die brennenden sozialen Probleme - Obdachlosigkeit, Drogen, Arbeitslosigkeit und die Folgen der Science-Fiction-artigen Urbanisierung des Riesenreichs.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Filme und Videos verbindet die Produktionen ein enormes Mitteilungsbedürfnis. `Es ist die Pflicht meiner Generation, die jetzige Phase des Umbruchs unserer Gesellschaft zu dokumentieren", erklärt ein junger Regisseur, der lieber anonym zitiert werden möchte. `Wir ändern damit nicht viel an der Situation - aber ich selbst könnte vor mir selbst nicht mehr bestehen, wenn ich dem allen nur tatenlos zusehen würde."

Zu den bemerkenswertesten Filmen gehört Chen Mo he Meiting (Chen Mo und Meiting) - das Spielfilmdebut von Liu Hao über zwei ebenso liebeshungrige wie liebesunfähige Menschen in Beijing. Die Geschichte, die Drehorte und die Schauspieler wirken so realistisch und authentisch, dass man schon nach wenigen Minuten begreift: das Beijing von heute ist kein Ort, wo Filme mit einem schlichten Happy End aufhören können.

Auch in Hai xian (Seafood) geht es um eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die sich so eigentlich nur in China so zutragen kann: der Film spielt in einem schmuddeligen Provinznest und erzählt auf absurd-unterhaltsame Weise, wie sich ein Polizist in eine Prostituierte verguckt, gegen die er ermitteln muss und dies, wenn auch mit verdrehtem Kopf, pflichtschuldig immer weiter tut. Die urbanen Protagonisten in Mi yu shi qi xiao shi (Weekend-Plot) dagegen, die ein mysteriöses Urlaubswochenende am Ufer des Jang-tse miteinander verbringen, sind so kosmopolit und "hip", dass sie in keiner Disco der westlichen Hemisphäre auffallen würden. Doch ihre ganz und gar in der Gegenwart angesiedelte Geschichte wird kontrastiert mit der uralten Kulturlandschaft, die demnächst von dem gigantischen Staudammprojekt überflutet werden wird. Man braucht das nicht einmal zu wissen, um in diesem Film eine eigentümlich beschwingte, gleichzeitig aber apokalyptische Stimmung zu bemerken.

Wie nahe Fiktion und Dokumentation im neuen chinesischen Kino beieinanderliegen, begreift man im Nebeneinander zweier Produktionen über lesbische Liebesbeziehungen. Fast komplementär ergänzen sich die Dokumentation He zi (The Box) von Ying Weiwei, in der die beiden Protagonistinnen mit bemerkenswerter Offenheit über chinesische Familienstrukturen und Geschlechterbeziehungen reden - und der Spielfilm Jin nian xia tian (Fish and Elephant) von Li Yu. Die Regisseurin hat als Schauspielerinnen ein authentischen Paar gefunden - beide sind Laien, und vielleicht glaubt man den beiden auch deswegen so bereitwillig jeden eifersüchtigen, verliebten, traurigen Satz, den sie vor Elefantenkäfigen oder in schicken Boutiquen so von sich geben.

Eine ähnliche Verwandtschaft verbindet die Dokumentation über Wanderarbeiter von Ning Ying Xi wang zhi lu (Railway of Hope) mit Du Haibins Langzeitbeobachtung Tie lu yan xian (Along the railway). Ning Ying begleitet arbeitsuchende Südchinesen auf ihrer mehrtägigen Zugreise zur Baumwollernte in die westliche Provinz Xinjiang. Unterwegs erfährt sie, warum die Menschen diese furchtbare Reise dennoch glücklich und zuversichtlich stimmt. Entlang den Schienen - das erfährt man in Du Haibins Portrait einer Gruppe von Obdachlosen - sieht das Leben noch um einiges hoffnungsloser und finsterer aus. Along the railway zeichnet eine große, von Sympathie getragene Nähe zu den Protagonisten aus. Diese Darstellung von Realität, die auf Emotionen und Ethik weitaus mehr Wert legt als auf eine distanzschaffende, glatte Professionalität, gehört zu den hervorragenden Kennzeichen des neuen Kinos aus China.

30. Januar 2002