Berlinale: Chronik


46. Internationale Filmfestspiele Berlin
15. - 26. Februar 1996

„Meine allerschönste Erinnerung ist das Kinderfilmfest 1996. Das Publikum war so begeistert von meinem Film The Forgotten Toys, dass mir vor Rührung fast die Tränen kamen. Seitdem bin ich noch öfters in Berlin gewesen und habe jedes Mal dieselbe Wärme und Zuneigung gespürt. Berlin wird für mich immer das Festival bleiben, das wirklichen Respekt und wahre Liebe für den Film ausdrückt - in all seinen Formen.“

(Regisseur Graham Ralph, der mit dem Gläsernen Bären für den Besten Kurzfilm im Kinderfilmfest ausgezeichnet wurde und im nächsten Jahr Jurymitglied war.)

Julia Roberts

Stars und großes Kino

Die Berlinale 1996 war ein Jahrgang der aufmerken und aufatmen ließ. Nachdem im Vorjahr niemand so recht glücklich gewesen war, gab es in diesem Jahr alles und von allem genug: Stars und Newcomer, große Filmkunst und kleine Geschichten, Glanz und Glamour und dabei ausreichend Stoff für leidenschaftliche Debatten.

Selten waren die Medien so glücklich mit den Stars, die das Festival in die Stadt und vor die Kameras brachten: Emma Thompson, Sally Field, Jodie Foster, Claudia Cardinale, Danny de Vito, Robert Downey Jr., Stephen Frears, Ang Lee, Paul Mazursky und Tim Robbins. John Travolta zeigte sich bei der Eröffnungsveranstaltung, Julia Roberts sorgte für Tumult, wo immer sie auftrat, und Bruce Willis gab mit seiner Band sogar ein Konzert in der Universal Music Hall.

Geliebter Feind der Kritiker: Hollywood

Hollywood lieferte in diesem Jahr aber nicht nur die Stars, sondern trug auch wesentlich zum qualitativ überzeugenden Eindruck des Wettbewerbs bei. Ang Lees Jane-Austen-Verfilmung Sense and Sensibility | Sinn und Sinnlichkeit nach einem Drehbuch der Hauptdarstellerin Emma Thompson eröffnete das Festival überaus viel versprechend. Beeindruckend, für viele herausragend, waren auch Terry Gilliams Twelve Monkeys und Tim Robbins’ Dead Man Walking. „Der Verzicht, das Geschehen vermeintlich kinogerecht aufzuladen, vielmehr in meist statischen Kameraeinstellungen sachlich der Auseinandersetzung und den Gesprächen der Beteiligten zu folgen, schafft den hohen Grad an Intensität“, schrieb Hans-Dieter Seidel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über Dead Man Walking. Da zeigte sich ein US-amerikanisches Kino, das Mut und Reife bewies und die Fähigkeit zur Selbstkritik, die viele europäische Kritiker Hollywood allzu voreilig absprachen.

Angesichts der permanenten Kritik an „zu viel Hollywood“ auf der Berlinale erstaunt es immer wieder, dass gerade die Berlinale-Jahrgänge, in denen Hollywood Stärke zeigt, von den Kritikern am meisten beklatscht werden. Auch Harald Martenstein vom „Tagesspiegel“, der die Berlinale und vor allem Moritz de Hadeln immer wieder scharf angegriffen hatte, schlug nun versöhnlichere Töne an und meinte, einen inhaltlichen Wandel zu erkennen. Es gab starkes Kino aus Korea, Taiwan und Australien und mit Un été à la Goulette/Halk-El-Wad | Ein Sommer in La Goulette von Férid Boughedir auch nachhaltige nordafrikanische Bilder. Aber wer weiß, wie dieser Jahrgang verbucht worden wäre, hätte nicht der europäische Film gegenüber den „Rivalen“ aus Hollywood eine so gute Figur gemacht.

Andrzej Wajdas Wielki Tydzien | Karwoche, Bertrand Bliers Mon Homme, vor allem aber Bo Widerbergs eindringliche liaison dangereuse Lust och fägring stor | Schön ist die Jugendzeit waren Kritiker- und Publikumslieblinge. Selbst Dani Lavys Kammerspiel Stille Nacht wurde trotz unübersehbarer Schwächen einem insgesamt starken europäischen Jahrgang zugerechnet.

Perlen und Kultfilme in den Sektionen

Viel braucht es für einen guten Berlinale-Jahrgang und in diesem Jahr kam viel zusammen. Auch das Kinderfilmfest bot mit 14 Spiel- und 15 Kurzfilmen aus 19 Ländern ein selten vielfältiges Programm und hatte mit Chris Boulds My Friend Joe einen Hit, der weit über die Sektion hinaus von sich reden machte.

Wieland Speck bei der TEDDY-Verleihung im SO36

John Dahls Science-Fiction-Thriller Unforgettable und Karl Francis Psychogramm Streetlife gehörten zu den meist beachteten Filmen im Panorama. Darüber hinaus liefen unter anderem Alejandro Amenábars Tesis | These, Isabel Coixets Things I never told you, Park Chul-Soos 301 – 302 und Greta Schillers Paris was a woman, Filme also, die den Ehrgeiz unterstrichen, internationale Talente einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Wenn die Sektion in diesem Jahr nicht die Aufmerksamkeit bekam, die sie verdient gehabt hätte, so war dies eher ein Versäumnis der Beobachter, als der Programmgestalter. Ein starker Wettbewerb geht oft zulasten der Wahrnehmung des Panorama.

Ähnliches galt für das Forum, wo mit Todd Solondz Welcome to the Doll House | Willkommen im Tollhaus und Wong Kar-Wais Duoluo Tianshi | Fallen Angels immerhin zwei spätere Kultfilme des Independent-Kino ihre Premiere hatten. Daneben gab es unter anderem eine Werkschau aus dem weitgehend unbekannten Filmland Burma, eingeleitet von Our Burmese Days, Lindsey Merrisons sehr persönlichem Portrait ihrer anglo-burmesischen Mutter.

Berlinale am Potsdamer Platz???

Im Anschluss an die Berlinale 1996 kam erstmals der Vorschlag auf, das Festival an den Potsdamer Platz zu verlagern. Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen hatte die Idee ins Spiel gebracht. Überraschend, denn zunächst konnte sich niemand so recht vorstellen, wie sich die umfangreiche Festivalinfrastruktur nachträglich in die bereits fortgeschrittenen Bauplanungen für das neue Stadtzentrum integrieren sollte. Hintergrund der Anregungen war das Bestreben der beiden Investoren und Bauherren, debis und Sony, ihre Immobilien durch ein großes Kulturevent aufzuwerten.

Die Aussicht auf eine kompakte und zentrale Festival-Location war verlockend. Das Fehlen eines festen Ortes, eines eigentlichen „Festivalzentrums“, war ein Dauerproblem der Berlinale seit ihrer Gründung gewesen. Für eine eigene Bautätigkeit hatte das Geld nie gereicht, aber auch die zeitlich befristete Anmietung von Räumlichkeiten war kostspielig und anfällig für Marktschwankungen. Überall in Berlin war die Verlagerung öffentlicher (finanzieller) Verantwortung auf private Investoren zu beobachten. Die Aussicht auf ein Joint Venture zwischen Investoren und Kultur war da nicht nur zeitgemäß, sie eröffnete dem Festival in Zeiten schwindender öffentlicher Mittel auch neue Perspektiven.

Neue „Berlinale-Meile“

Dennoch reagierten Ulrich Gregor und Moritz de Hadeln zunächst zurück haltend. Gerade erst war ja mit dem Hotel Intercontinental ein neuer, zentraler Standort für Presse- und Serviceeinrichtungen gefunden. Entlang der Budapester Straße war dadurch eine „Berlinale-Meile“ entstanden, wie es Harald Martenstein im „Tagesspiegel“ nannte, ein einigermaßen geschlossenes Stück Innenstadt zwischen dem Zoo-Palast und dem Hotel Intercontinental, wo man zum Berlinale-Flaneur werden konnte – sofern das Wetter mitspielte. „Marmorboden! Eine Sektbar! Neuzeitliche Toiletten! Berlin gibt sich Mühe“, hatte sich Martenstein über das Interconti gefreut. Und das alles sollte man nun schon wieder aufgeben für schnödes Stahl und Glas am Potsdamer Platz? Die Organisatoren blieben reserviert. Aber der Vorschlag lag auf dem Tisch, der Köder war ausgelegt.