Berlinale: Chronik


45. Internationale Filmfestspiele Berlin
09. - 20. Februar 1995

„Seit langem schon hat Hollywood aufgehört, amerikanisch zu sein, und ist stattdessen zu einem Weltzentrum für die Herstellung audiovisueller Produkte geworden. Fast ebenso viele Ausländer wie Amerikaner arbeiten dort. Talent kennt weder Pässe noch Grenzen. Hollywood - das sind auch wir, und wenn es Hollywood schlecht geht, ist die Krise überall zu spüren.“

(Moritz de Hadeln wirbt im Vorwort des Festivalkatalogs für einen pragmatischeren - und selbstkritischeren - Umgang mit der kommerziellen Übermacht Hollywoods.)

Happy Birthday Cinema!

Dreifaches Jubiläumsjahr und Berliner Identitätsfragen

45 Jahre Berlinale, 25 Jahre Forum und 100 Jahre Film waren 1995 zu feiern. Blickt man zurück, scheint es das Schicksal der Berlinale zu sein , dass gerade die Jubiläumsjahrgänge meist als glücklos bewertet werden. Auch in diesem Jahr schien die Kritik eher einer allgemeinen Krisenstimmung Tribut zu zollen und darüber die durchaus vorhandenen Qualitäten des Festivalprogramms zu übersehen.

Bereits im Vorfeld hatten sich Probleme und Hindernisse angekündigt. Aufgrund massiver Sparzwänge gerieten die verschiedenen Geschäftsbereiche der Dachgesellschaft Berliner Festspiele GmbH in Konkurrenz zueinander. Vor allem die Berlinale und das Theatertreffen wurden in haushaltspolitischen Debatten gegeneinander ausgespielt. Diese Diskussion fand auf dem Hintergrund grundsätzlicher Meinungsverschiedenheiten über die neue Rolle Berlins statt. Dabei ging es um Identitätsfragen der Stadt, nicht nur um den Stellenwert von Kunst und Kultur und wer dafür aufkommen sollte, sondern auch um die Risse in der viel beschworenen Einheit von Ost und West.

Festivalinterne Rivalitäten

In diesem bereits prekären Klima, in dem sich jeder selbst der Nächste war, bröckelte auch die festivalinterne Solidarität zwischen den Sektionen und Bereichen. Die inhaltliche Rivalität zwischen Forum und Wettbewerb war nicht mehr wegzudiskutieren. Während Moritz de Hadeln in der öffentlichen Darstellung des Festivals Formulierungen gebrauchte, die beim Forum auf Missfallen stoßen mussten, tat auch das Forum wenig, seine cineastisch-konzeptionelle Sonderstellung zu relativieren und als Teil eines harmonischen Ganzen zu verkaufen. Ein wenig zu selbstgefällig pflegte man das eigene Image, dessen Ansehen tatsächlich bemerkenswert resistent war gegen die Image-Konjunkturen des Gesamtfestivals.

Erschwerend kam hinzu, dass Panorama und Forum als Konkurrenten wahrgenommen wurden. Grenzverschiebungen und Neubestimmungen waren keineswegs überraschend, sondern entsprachen der Entwicklung auf dem internationalen Filmmarkt. Aber warum nahm man die Veränderungen nicht zum Anlass, an einem neuen Festivalprofil zu arbeiten? Indem Uneinigkeit mit Schweigen kombiniert wurde, überließ die Berlinale das Feld den externen Kritikern.

Before Sunrise: Richard Linklater, Julie Delpy, Ethan Hawke

Independents und „kleine“ Filmländer nutzen ihre Chance

„Toleranz, Geduld, Offenheit und vor allem den Verzicht auf Vorurteile“ hatte Moritz de Hadeln im Festivalvorwort für die Filme gefordert. Das klang ungewohnt vorsichtig, dabei konnte sich das Programm durchaus sehen lassen. Rückblickend waren Bruce Beresford’s Silent Fall | Stummer Schrei, Richard Linklaters Before Sunrise, Abel Ferraras The Addiction und Wayne Wangs Doublefeature Smoke/Blue in the Face beileibe keine schlechte US-amerikanische Auswahl. Ergänzt durch Tom DiCillos Living in Oblivion (im Forum) repräsentierten sie einen veritablen Einblick in die enorme Produktivität und Vielfalt des „Independent“-Genres.

Robert Bentons Nobody’s Fool mit Paul Newman und Jessica Tandy und Robert Redfords Quiz Show machten dagegen selbst die Freunde des amerikanischen Großkinos wohl deshalb nicht recht glücklich, weil sich herumsprach, welche Filme die Berlinale nicht bekommen hatte: Robert Altmanns Prêt-À-Porter zum Beispiel und Nell von Michael Apted.

Aber auch der Anspruch auf Internationalität und Vielfalt wurde im Wettbewerb durchaus eingelöst. Im Kwon-Taek erzählte in Taebaek Sanmaek | Das Taebaek Gebirge vom Korea der vierziger Jahre zwischen Kolonialherrschaft und Bürgerkrieg. Dem Mexikaner Jorge Fons gelang mit El callejón de los milagros | Die Gasse der Wunder eine Hommage an die „kleinen Leute“ seines Landes. Shmuel Hasfaris Sh’Chur erzählte die Familiengeschichte marokkanischer Juden in Israel und Patricia Rozema brachte mit When Night is Falling, einer subtil erzählten Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, das Filmland Kanada wieder auf die internationale Bühne.

Es liefen Filme aus Norwegen und Spanien und mehrere Produktionen junger Filmemacher aus Hongkong und China. Margarete von Trottas Das Versprechen galt als gelungener Eröffnungsfilm, Michael Winterbottoms Butterfly Kiss und Bertrand Taverniers kalt-realisitscher L’Appât | Der Lockvogel boten intensives Kino, das weit unter die Oberfläche dringt, und einem jeden Festival zur Ehre gereicht. Was hatte diese Berlinale nicht, was andere Jahrgänge oder andere Festivals hatten?

Das osteuropäische Kino setzte in diesem Jahr nur wenige Glanzlichter. Neben Wadim Abdraschitows experimentierfreudigem Wettbewerbsbeitrag Pjesa dlja Passashira | Theaterstück für einen Fahrgast ist vor allem der polnische Film Krähen | Wrony von Dorota Kedzierzawska zu erwähnen. Die Geschichte einer jungen Außenseiterin, die früh erwachsen werden muss, war der herausragende Beitrag im Kinderfilmfest. Nach dem vielversprechenden Vorjahr schien dieser Jahrgang allerdings zu beweisen, wie labil die osteuropäische Filmbranche war.

„Politik und Mythos“ im Forum, Publikumshits im Panorama

Im Forum dominierten in diesem Jahr Dokumentarfilme und mit ihnen eine Auseinandersetzung mit „Politik und Mythos“ wie es Ulrich Gregor in seinen Programmnotizen charakterisierte. Zwei umstrittene Filme über umstrittene Helden waren Ernesto Che Guevara – Das Bolivianische Tagebuch des Schweizers Richard Dindo und Ulrike Maria Meinhof des Franzosen Timon Koulmanis. Beiden Filmen warf Sabine Horst in der „Frankfurter Rundschau“ vor, an der Widersprüchlichkeit ihrer Figuren gescheitert zu sein: „Während Richard Dindo … immerhin ambitioniert gescheitert ist, konnte man von Koulmanis’ Film sagen, daß er auf uninteressante Weise funktioniert“, war ihr nüchternes Fazit.

Eine ähnliche Kritik, sein Sujet nicht mit der notwendigen Durchdringung zu bearbeiten, zog auch Claude Lanzmanns fünfstündiger Film Tsahal auf sich, eine Dokumentation über die israelische Armee, in der jedoch „keine einziges Bild von den sechs Kriegen, die diese Armee führte, geschweige denn von ihren Einsätzen im Inneren“ gezeigt wurde, wie Thomas Rothschild in der „Stuttgarter Zeitung“ kritisierte.

Im Panorama gab es mit Peter Chelsoms kauziger Komödie Funny Bones und Susanne Oferingers Nico-Icon zwei echte Publikumshits. Filme von Antonia Bird, Jean-Luc Godard, Nguyen Huu Phan, Eytan Fox und Idrissa Ouédrogo dokumentierten das neugierige und offene Profil der Sektion. Derek Jarmans Glitterbug und Marlon T. Riggs Black is …Black ain’t standen für das leidenschaftliche politische Engagement. Beide Regisseure waren im Jahr zuvor verstorben.

Abschied von Manfred Salzgeber und Wolf Donner

Es war ein Jahr der Abschiede, denn auch Manfred Salzgeber, der Gründer und Gestalter des Panorama, war im Jahr zuvor verstorben. Offenheit war seine Stärke gewesen: Offen für das Neue, offen für die Meinungen anderer, offenes Eintreten für das, was ihm wichtig war, offener Umgang auch mit AIDS, der Krankheit, die seinem Leben ein frühes Ende bereitete. „Wie oft haben wir von seinen selbst in ihrer leidenschaftlichen Radikalität stets klugen Ratschlägen profitiert“, schrieb Moritz de Hadeln im Festivalvorwort. Noch immer trägt die Berlinale die Zeichen dieser klugen Leidenschaft. Salzgeber zu Ehren zeigte das Festival seinen Lieblingsfilm: Chaplins Monsieur Verdoux.

Auch , der die Berlinale von 1977 – 1979 drei Jahre lang geleitet und auf einen neuen Weg gebracht hatte, war im Jahr zuvor verstorben. Ihm zu Ehren wurde noch einmal Deutschland im Herbst gezeigt, um an Donners Leidenschaft für Widerspruch und Kritik zu erinnern, an seinen Mut, mit dem er als junger Festivalchef zu unbequemen Entscheidungen stand – und Recht behielt.