Berlinale: Chronik


43. Internationale Filmfestspiele Berlin
11. - 22. Februar 1993

„Zur Katastrophe bedarf es keines bösen Willens. Es genügt die intellektuelle Überforderung.“

(Jan Ross in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über die Hauptfigur in Nick Gomez’ Laws of Gravity, der im Forum lief.)

Das Plakat der 43. Berlinale

Es konnte besser werden, und es wurde

Nach dem der Berlinale-Jahrgang 1992 weithin als enttäuschend gewertet wurde, gelang es 1993, Sympathien und Vertrauen wieder zu gewinnen. Vor allem dem wiederkehrenden Vorwurf, Hollywoodfilme hätten eine zu starke Präsenz auf der Berlinale, wurde in diesem Jahr ein internationales und oftmals packendes Programm entgegen gesetzt.

Im Wettbewerb liefen so unterschiedliche und auf ihre Art überzeugende Arbeiten wie Ang Lees Hsi Yen | Das Hochzeitsbankett, Emir Kusturicas Arizona Dream, Jacques Doillons Le Jeune Werther, Constantin Costa-Gavras La petite Apocalypse, Detlev Bucks Wir können auch anders oder die beiden afrikanischen Beiträge Samba Traoré von Idrissa Ouédraogos aus Burkina Faso und Sankofa von Haile Gerima, eine Koproduktion mit Beteiligungen aus Deutschland, USA, Ghana und Burkina Faso.

Manfred Salzgeber, Rose-Marie Couture, Wieland Speck
Führungswechsel im Panorama

Schichtwechsel im Panorama: Wieland Speck hat einen guten Start

Überaus positiv aufgenommen wurde auch das im Umfang reduzierte, inhaltlich gestraffte Panorama. Der Filmemacher Wieland Speck hatte bereits mehrere Jahre an der Organisation des Panoramas mitgewirkt und nun die Leitung der Sektion von dem schwer erkrankten Manfred Salzgeber übernommen. Schon 1993 zeigte sich seine konzeptionelle Handschrift: unter seiner Leitung legte sich das Panorama ein strafferes Profil zu und konzentrierte sich auf seine Stärken: internationale Arthouse Produktionen, brisante Themen und eine starke Repräsentanz des schwullesbischen Filmschaffens.

Stilistisch zeigte sich die Sektion bisweilen konsensfähiger und stärker am Wettbewerb orientiert, thematisch weiterhin kompromisslos und provokativ wie das Forum, ohne diesem jedoch seine exklusiven Spielräume streitig zu machen. Publikumslieblinge wie Woody Allens Husbands and Wives, Cameron Crowes Singles, Robert Rodriguez’ El Mariachi und der zweite Film des jungen Tsai Ming Liang Ching Shao Nien Na Cha | Rebels of the Neon God liefen in der neuen Programmreihe „Panorama Special“. John Sayles' Passion Fish, Derek Jarmans Wittgenstein, Katja von Garniers Abgeschminkt! oder Vera Chytilovás Dedictiví aneb Kurvahosigutntag | Das Erbe oder: Fuckoffjungsgutntag markierten das Feld, um das es der Programmreihe „Art & Essai“ gehen sollte.

Neue Wege aus dem Dilemma „Anpassung oder Verzicht“

In seiner Gesamtheit trat das Festivalprogramm den Beweis an, dass sich im weltweiten Filmschaffen trotz eines erhöhten kommerziellen Drucks originelle, auch regionale Erzählformen erhalten konnten. Das Programm zeigte auf, dass es zwischen Anpassung und Verzicht immer noch eine schillernde Vielzahl anderer Wege gibt, mit ökonomischen Hegemonien umzugehen. Ein Hinweis darauf war bereits die auffällig hohe Zahl multinationaler Koproduktionen im Berlinale-Programm dieses Jahres. Vor allem aber die Filme selbst, ihr Humor, ihre Ironie, ihre Kampfesfreude machten die Berlinale 1993 zu einem hoffnungsvollen Jahrgang.

Arizona Dreaming: Emir Kusturica, Johnny Depp, Vincent Gallo

Schon Emir Kusturicas Eröffnungsfilm Arizona Dream setzte mit seiner Fantasie und seinem Witz, seinem mal exaltierten, mal melancholischen Tonfall ein offensives Zeichen. Gerade die so oft beklagte Amerikanisierung der Bilderwelten wird hier auf eine erfrischende Art ironisiert und zum Spielen gebracht. Ähnlich extrovertiert und mutig im Umgang mit ihren Geschichten waren Assi Dayans Ha Chayim Alpy Agfa | Life According to Agfa und Ang Lees Hsi Yen | Das Hochzeitsbankett. Beide Filme scheuten sich nicht, Komik und Tragik im Leben ihrer Figuren gleichberechtigt zu behandeln und standen damit für ein zeitgenössisches Geschichtenerzählen, das ohne einen gesunden Trotz nicht auskommen konnte.

Der Tanz auf den Trümmern: Das neue osteuropäische Kino

Exemplarisch gerade dafür war auch Dusan Makavejevs Gorilla Bathes at Noon, in dem der jugoslawische Regisseur einen russischen Soldaten den Truppenabzug aus Berlin verpassen und mit einer sowjetischen Fahne durch die Stadt irren lässt. Ein Ort- und Zeitloser, der verzweifelt versucht, die Brüche in der Geschichte und in seiner Biografie zu kitten. Eine Farce und auch ein unfreiwilliger Kommentar auf den Berliner Umgang mit der jüngsten Vergangenheit: Eine Kommission befasste sich damals gerade mit der Frage, wie mit den sozialistischen Denkmälern in der Stadt umzugehen sei. Das Lenin-Denkmal, auf dem Makavejevs Anti-Held seine Fahne hisst, stand wenig später schon nicht mehr.

Wütender, kompromissloser, auch pessimistischer waren viele andere osteuropäische Arbeiten, etwa der rumänische Wettbewerbsbeitrag Patul Conjugal | Das Ehebett von Mircea Daneliuc, der eine abstoßende und unverblümte Bestandsaufnahme eines durch und durch korrumpierten Landes gab. Ein Film, der „für einen Moment die Fülle der Bilder auf einem Festival verdrängt, weil er so verzweifelt erzählt vom Sterben aller Gefühle und vom Imperialismus der harten Währungen“, schrieb Josef Schnelle in der „Frankfurter Rundschau“. Verratene Träume, die Trümmer der Ideologien und das Gefühl, von der Geschichte im Stich gelassen zu sein, waren beherrschende Themen in mehreren rumänischen Filmen auch in Panorama und Forum.

Wandel, Befreiung und Umsturz waren begleitet von Schmerzen und dem Aufbrechen nie verheilter Wunden. Der Krieg auf dem Balkan hatte begonnen, eine europäische Realität zu werden. Unter dem Titel „Nie wieder Krieg“ wurde in einer Sondervorführung Un jour dans la Mort de Sarajevo gezeigt, ein rückhaltloser Kommentar zum Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien, der jedoch mit seiner Parteinahme und seinem Pathos nach Meinung einiger Kommentatoren sein Ziel verfehlte. In einer weiteren Sondervorführung lief Reni Mertens und Walter Martis Requiem, ein „musikalisches Filmgedicht“ in Erinnerung an die Millionen, die im 20. Jahrhundert auf den Schlachtfeldern Europas gefallen waren.

Ernste Töne auch im Kinderfilmfest

Auch auf dem Kinderfilmfest blieb die Geschichte nicht außen vor. Renate Zylla hatte Mut bewiesen mit der Entscheidung, den turkmenischen Film Angelochek sdelay radost | Engelchen, mach Freude von Usman Saparov einzuladen. Der Film spielt zur Zeit des zweiten Weltkriegs und erzählt aus der Sicht des fünfjährigen Georg von den Vertreibungen deutschstämmiger Siedler aus einem turkmenischen Dorf. Das Programm des Kinderfilmfestes zeichnete sich längst dadurch aus, Filme zu zeigen, „die Kinder ernst nehmen, ohne sie zu überfordern.“ Alle drei Jurys, auch die Kinderjury, honorierten dieses Engagement, in dem sie Saparovs einfühlsamen, aber auch schwierigen Film bei ihren Preisentscheidungen bedachten.