Berlinale: Chronik


41. Internationale Filmfestspiele Berlin
15. - 26. Februar 1991

„Die 41. Internationalen Filmfestspiele sind ein Akt des Vertrauens, des Muts, um die Psychose zu überwinden, um sich für den anderen zu interessieren, gleich ob er Amerikaner, Engländer, Jude oder Araber sei. Miteinander zu reden, sich verstehen zu lernen, ist auch eine deutsche Notwendigkeit.“

(Moritz de Hadeln im Vorwort des Festivalkatalogs, in dem er die Entscheidung rechtfertigt, die Berlinale trotz oder gerade wegen des Golfkriegs stattfinden zu lassen.)

Das Plakat der 41. Berlinale

Jetzt erst recht: Keine Kapitulation im Krieg der Bilder

Am 16. Januar brach in der Golfregion der Krieg aus. Sofort gab es Spekulationen, die Berlinale werde abgesagt. Aber was wäre damit gewonnen gewesen? In einem leidenschaftlichen Vorwort zum Festivalkatalog rechtfertigt Moritz de Hadeln seine und Ulrich Gregors Entscheidung, die Berlinale nicht ausfallen zu lassen. Wütend geißelt er die Ignoranz des Westens gegenüber der arabischen Kultur, die Deutungshoheit der amerikanischen Kriegsberichterstatter und deren Akzeptanz durch das Fernsehpublikum. Statt einem ängstlichen Rückzug ins Private vor den Fernsehapparat und dessen „indoktrinierende“ Botschaft beschwört er den verbindenden Dialog, den das Filmfestival befördern könne: „Was tun? Unsere Antwort ist einfach: wir wollen alles unternehmen, um dieses Festival dem internationalen Dialog zu widmen. Das geht nicht in Hysterie und mit Angst, nicht, wenn man zu Hause bleibt, um bloß die neuesten Nachrichten vom Golf zu verfolgen.“

Eine starke Präsenz europäischer Filme im Wettbewerb sollte in diesem Jahr ein Zeichen setzen gegen die Vormachtstellung des amerikanischen Kinos. Immer wieder war Moritz de Hadeln eine zu große Bereitschaft vorgeworfen worden, amerikanische Großproduktionen im Wettbewerb zu zeigen. Es war jedoch kein überragendes europäisches Kinojahr. Salomonisch hatte Moritz de Hadeln im Festivalkatalog geschrieben: „Um auszuwählen, muss die Auswahl möglich sein“ – damit jedoch lediglich die noch spärliche Filmproduktion im Nahen Osten, Afrika und Lateinamerika gemeint. Aber auch aus den wohlhabenden europäischen Filmländern konnte sich die Berlinale keineswegs immer die Perlen heraussuchen. Die Konkurrenz zu Cannes war bisweilen eine ebenso hohe Hürde wie die Geldnöte in der „Dritten Welt“.

Hommage 1991: Jane Russell und Moritz de Hadeln

Deutliches Qualitätsgefälle im europäischen Film

Neil Jordans The Miracle, Simon Callows The Ballad of the Sad Café und Viktor Aristows Satana | Der Satan gehörten zu den wenigen europäischen Filmen, die Kritiker und Publikum überzeugten. Bei den beiden deutschen Wettbewerbsbeiträgen schienen sich die verheerenden Folgen der neuen deutschen Förderpolitik abzuzeichnen, die dazu führte, dass die meisten Spielfilme nur mehr als Koproduktionen mit Fernsehsendern realisiert werden konnten. Franz Seitz’ Erfolg und Roland Gräfs Der Tangospieler konnten nicht überzeugen.

Dass von vier italienischen Beiträgen gleich drei von der Jury einen Hauptpreis erhielten – La Casa del Sorriso | Das Haus des Lächelns von Marco Ferreri, La Condanna | Die Vergewaltigung von Marco Bellocchio und Ultra von Ricky Tognazzi –, wurde als fehlgeleitete Affirmation des lediglich gut Gemeinten interpretiert. Ein buchstäblicher „Bärendienst“, den die Jury dem europäischen Film da erwies, wäre es doch keine Schande gewesen, Jonathan Demme für The Silence of the Lambs | Das Schweigen der Lämmer alleine den Silbernen Bär für die Beste Regie zu geben oder einen Film wie Cabeza de Vaca, das Debüt des Mexikaners Nicolas Echevarria, auszuzeichnen. So oder so ähnlich klangen zumindest viele Kommentare nach der Preisverleihung.

Von Presse, Publikum und Jury kollektiv übersehen wurde Pantelis Voulgaris Isiches Meres tou Avgoustou | Stille Tage im August, der die wenigen, die ihn sahen, mit seiner stillen Poesie in seinen Bann zog. Hier zeigte sich, dass „kleine“, intime Filme im Wettbewerb unter zu gehen drohten, der ein ums andere Mal als ein Clash der Kulturen wahrgenommen - und wohl auch überschätzt wurde. Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki schien sich darüber im Klaren zu sein, als er verfügte, dass seine Filme gerne auf der Berlinale gezeigt werden dürften, jedoch niemals im Wettbewerb. Mit I Hired a Contract Killer verschaffte er stattdessen dem Forum einen veritablen Hit.

Offene Grenzen - offene Konkurrenzen

Im Jahr 1 (1/2) nach dem Fall der Berliner Mauer waren die Erwartungen an die Berlinale groß. Man war gespannt, ob es gelingen würde, den Status als wichtigstes Festival für den osteuropäischen Film zu bewahren. Es zeigte sich jedoch schnell, dass mit der Öffnung der Grenzen auch die Konkurrenzsituation unter den Festivals gewachsen war. Mehrere interessante Filme aus osteuropäischen Staaten wurden der Berlinale gar nicht angeboten oder nach anfänglicher Zusage dann doch zugunsten von Cannes kurzfristig zurückgezogen. So waren schließlich Aristows Satana und der slowakische Beitrag Ked Hviezdy boli cervené| Als die Sterne rot waren von Dusan Trancíks die einzigen osteuropäischen Filme im Wettbewerb.

Im Forum und Panorama war das osteuropäische Filmschaffen dagegen weiterhin stark vertreten. Die ungarische Satire Isten Hátrafelé Megy | Gott läuft rückwärts von Miklós Jancsó im Panorama, Alexandr Sokurows Studie über den Tod Krug Wotroj | Der Zweite Kreis und Gluchy Telefon | Gestörte Verbindung des Polen Piotr Mikucki waren spannende Versuche, zu einer neuen postkommunistischen Filmsprache zu finden.

Neue Kinematografien - und alte neu entdeckt

Viel beachtet war auch eine Retrospektive rumänischer Dokumentarfilme von 1898 bis 1990, die eine merkwürdige Kontinuität totalitärer Paradigmen aufzeigte. „Selbst das Stummfilmpaket aus den zwanziger Jahren, meist kurze Reportagen über Prunk und Pomp des königlichen Herrscherhauses, wirkte im Wissen um den späteren Personenkult wie ein Prolog auf die eitlen filmischen Selbstdarstellungen des Ceaucescu-Clans“, schrieb etwa Dieter Bertz in der Wochenzeitung „Freitag“.

Bereits durch Cabeza de Vaca im Wettbewerb positiv aufgefallen präsentierte sich das mexikanische Kino in einer Sonderreihe im Forum als überaus vital. Hier wurde dem Berlinale-Publikum eine Kinematografie erschlossen, von der es in Zukunft mehr zu sehen bekam. Im Forum konnten auch die deutschen Filme überzeugen, zumindest erwiesen sie sich thematisch auf der Höhe ihrer Zeit. „Zeremonien des Abschieds“ benannte Klaus Dermutz in der „Süddeutschen Zeitung“ die auffällig hohe Zahl deutscher und deutsch-deutscher Produktionen, die sich mit der Wiedervereinigung, vor allem aber mit der nun folgenden Ungewissheit vor der gemeinsamen Zukunft beschäftigten. Jürgen Böttchers Die Mauer, Andreas Voigts Letztes Jahr Titanic, Sibylle Schoenemanns Verriegelte Zeit, Ulrike Ottingers Countdown und Ein schmales Stück Deutschland von Lew Hohlmann, Joachim Tschirner und Klaus Salge gehörten zu diesem thematischen Schwerpunkt.

Zu einem allgemein durchwachsenen – nach den hohen Erwartungen enttäuschenden – Jahrgang kam noch hinzu, dass auch die Parallelpräsentation des Festivals im Ostteil Berlins eher ernüchternd verlief. Zu den 70 Vorführungen im Kino International kamen nur 9.426 Besucher, was einer Auslastung von nur 25% entsprach. Bei Fachbesuchern dagegen war die Berlinale weiterhin beliebt, 8342 Akkreditierungen waren Rekord. Wie waren diese Zahlenspiele zu deuten? Die Zukunft der Berlinale bereitete einiges Kopfzerbrechen.