Berlinale: Chronik


39. Internationale Filmfestspiele Berlin
10. - 21. Februar 1989

„Von geradezu epischer Breite sind am Ende die diffizil zusammenmontierten Aussagen und Beschreibungen, Beschönigungen und Anklagen, die längst nicht mehr um den einen Mann kreisen, sondern um einen historischen Einschnitt in der Geschichte, nachdem sie sich nicht mehr so schreiben lässt wie vorher.“

(Gertrud Koch in der „Frankfurter Rundschau“ über Marcel Ophüls’ Klaus-Barbie-Recherche Hotel Terminus, die im Zentrum eines thematischen Schwerpunkts zur NS-Vergangenheit im Forum stand.)

Das Plakat der 39. Berlinale

Enttabuisierung, Rehabiliation und ein neues Kino aus Osteuropa

Die Berlinale war zum wichtigsten internationalen Festival für Filme aus Osteuropa geworden. Immer noch wurden bislang verbotene Filme aus den Tresoren der Zensurbehörden geholt, um auf der Berlinale das Licht der Öffentlichkeit zu erblicken. Aber es liefen auch die ersten Filme, die im Zuge der von Michail Gorbatschow eingeleiteten Perestrojka selbst entstanden sind. Im Wettbewerb stand dafür etwa Wadim Abdraschitows Sluga | Der Diener und im Kinderfilmfest gingen gleich zwei Hauptpreise an Isaak Fridbergs Kukolka | Die Puppe, der sich mit dem Leistungssport in der Sowjetunion und dessen verheerenden Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern auseinandersetzte.

Themen wurden enttabuisiert und Regisseure rehabilitiert: Zwei Filme des tschechischen Regisseurs Dusan Hanák – Ja milujem, ty miluješ | Ich liebe, du liebst im Wettbewerb und im Panorama der bislang verbotene Obrazi stareho sveta | Bilder einer alten Welt von 1980 -, Frank Beyers Der Bruch im Wettbewerb, drei bulgarische „Tresorfilme“ im Panorama und mehrere Filme von Aleksandr Sokurov im Forum - es war eine Zeit für Schatzsucher und Entdeckungsreisende.

Einen der aufregendsten Filme des Jahres hatte das Forum mit Malenkaja Wera | Die kleine Vera von Wassili Pitschul im Programm. Ein Film über die russische „lost generation“, die sich nun nach dem allgemeinen Händeschütteln auf dem politischen Parkett lautstark zu Wort meldete. Aussichtslosigkeit, Alkoholismus, Sarkasmus: „Es packt einen das Mitleid mit Gorbatschow, auf dieser Basis irgend etwas ausrichten zu wollen“, schrieb Michael Kötz in der „Frankfurter Rundschau“.

Ein starkes Jahr auch für das US-Kino

Hatte es in den Vorjahren wachsende Kritik an der starken Präsenz US-amerikanischer Großproduktionen im Wettbewerb gegeben, so war das amerikanische Kino in diesem Jahr stark genug, um sich auch bei den Kritikern wieder ins Gespräch zu bringen. Barry Levinsons Rain Man, Jonathan Kaplans The Accused | Angeklagt mit einer überragenden Jodie Foster, Alan Parkers Mississippi Burning, vor allem aber Oliver Stones Talk Radio über die Ermordung eines jüdischen Radio-Moderators wurden weithin positiv aufgenommen. Dass der Goldene Bär in diesem Jahr an eine US-Produktion gehen würde, schien vielen wahrscheinlich, dass die Wahl der Jury auf Rain Man fiel, enttäuschte allerdings einige.

Seit langem jedenfalls stand die Präsenz des US-Kinos - das dem Festival immerhin auch die Stars lieferte - wieder einmal in einem ausgewogenen Verhältnis zu seiner Qualität. Dies trug zu einem gelungenen Gesamteindruck des Wettbewerbs 1989 bei. Auch das europäische Kino zeigte sich mit Stephen Frears’ Dangerous Liaisons | Gefährliche Liebschaften, Derek Jarmans War Requiem, Bruno Nuyttens Camille Claudel und Chantal Akermans Histoires Amériques | Geschichten aus Amerika bei bester Spiellaune.

Kritikerliebling war aber Jacques Rivettes La bande des quatre | Die Viererbande, der sich auch als Mahnung verstehen ließ, über allzuviel Selbstzufriedenheit nicht in künstlerischer Stagnation zu erstarren: „La Bande des Quatre ist die Kritik vieler anderer Filme, die in Berlin gezeigt wurden. Gegen den bleiernen Aufmarsch von Kulturinhalten setzt Rivette die Kunst der Improvisation, gegen das gutgemeinte Hantieren an der Kamera die Vollkommenheit des filmischen Ausdrucks (…) Die Viererbande reißt auf der Leinwand ein Fenster auf, durch das man endlich atmen kann“, schrieb Andreas Kilb in der „Zeit“.