Berlinale: Chronik


38. Internationale Filmfestspiele Berlin
12. - 23. Februar 1988

„Berlin wurde sozusagen meine zweite Geburtsstadt.“

(Aleksandr Askoldov, dessen Film Komissar mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde, erinnert sich an die Berlinale 1988.)

Das Plakat der 38. Berlinale

Weiterhin frischer Wind aus Ost-Südost

Auf der Berlinale 1988 bestätigte sich die Hoffnung, dass das Berliner Festival nach Gorbatschows Glasnost-Politik dem neuen sowjetischen Film ein prädestiniertes Forum sein könnte. Unter zahlreichen osteuropäischen Filmen war Aleksandr Askoldows Komissar exemplarisch. Der Film erzählt die Geschichte einer von der Revolution enttäuschten Kommissarin, die in den Kriegs- und Revolutionswirren der zwanziger Jahre bei einer jüdischen Familie Unterschlupf findet. Schon 1967 gedreht, war Komissar unter dem Vorwurf der „Verleumdung der Revolution“ und „zionistischer Propaganda“ verboten worden. Seine Premiere hatte er erst im Juli 1987 auf dem Moskauer Filmfestival. Die Freigabe für die Berlinale galt als ein weiteres Indiz für die veränderten Vorzeichen der sowjetischen Kulturpolitik. Aleksandr Askoldow erinnerte sich später an die Berlinale 1988 als „das wahrscheinlich wichtigste Datum meines Lebens“.

Und es gab weitere Vorboten der Veränderung: Noch vor kurzem wäre es undenkbar gewesen, dass Filme wie der polnische Wettbewerbsbeitrag Matka Królów | Mutter Król und ihre Söhne von Janusz Zaorski, der sowjetische Dokumentarfilm Bolsche Sweta! | Mehr Licht! von Marina Babak oder auch Heiner Carows 1968 entstandener Film Die Russen kommen für die Vorführung vor einem westlichen Publikum freigegeben worden wären. Auch Lothar Warnekes Einer trage des anderen Last, der DDR-Beitrag im Wettbewerb, setzte sich kritisch mit Widersprüchen und Gründungsmythen der DDR auseinander.

Die Berlinale ein „Cape Canaveral des US-Films“?

Kritisiert wurde in diesem Jahr die wachsende Präsenz amerikanischer Großproduktionen im Wettbewerb. Wolfram Schütte warf in der „Frankfurter Rundschau“ Moritz de Hadeln vor, die Berlinale zu einem „Cape Canaveral für die US-Major Companies“ zu machen, „ die hier ihre Frühjahrsraketen starteten“. Acht US-Produktionen waren eine hohe Quote in diesem Jahr, darunter Steven Spielbergs Empire of the Sun | Im Reiche der Sonne, Woody Allens September, Martin Ritts Nuts mit Barbara Streisand und Norman Jewisons Moonstruck | Mondsüchtig mit Cher und Nicholas Cage – Filme also, die unmittelbar im Anschluss an das Festival ohnehin in die Kinos kamen. Neben den osteuropäischen Beiträgen oder Filmen wie Birkin Double Jeu Varda I & II, Agnès Vardas doppelte Liebeserklärung an Jane Birkin, wirkten die Hollywood-Produkte doch recht konsumentenorientiert und ließen die viel beschworene „Brückenfunktion“ der Berlinale manchem als Euphemismus für Hollywoods Exportinteressen erscheinen.

In einem Programm, dessen Umfang von Kritikern zunehmend als „gigantomanisch“ empfunden wurde, gab es natürlich auch andere Akzente, etwa einen asiatischen Schwerpunkt, der die Sektionen miteinander verband. Im Wettbewerb lief Zhang Yimous Hong Gaoling | Rotes Kornfeld, eine blutige und schonungslose Ballade aus dem China der dreißiger Jahre, der als erster chinesischer Film einen Goldenen Bären erhielt. Mit ihrer Entscheidung würdigte die Jury nicht nur die herausragende kinematografische Qualität des Films, sondern wollte ihr Votum auch als eine Solidaritätserklärung an die liberalen Kräfte in China verstanden wissen. Eine durchaus mutige Entscheidung damals - das Massaker von Tiananmen stand noch bevor.

Das Forum präsentierte in diesem Jahr das junge asiatische Kino in seiner ganzen Vielfalt. Es liefen Filme aus Korea, China, Hongkong, Japan, den Philippinen und Vietnam - ein thematisches Interesse, das bereits Tradition hatte und das Forum fortan noch intensiver prägen sollte. Ein herausragender Film war dabei der Eröffnungsfilm Pabo Sunon | Das Manifest der Narren des Koreaners Lee Chang-Ho, „ein experimentelles kinematografisches Wutstück“ (Wolfgang Jacobsen), ein anarchischer Film, wie es lange keinen gegeben hatte und einer, der das progressive Anliegen des Forums einmal mehr unterstrich. Ein weiterer Film im Forum 1988: Atom Egoyans Family Viewing. Auch für Egoyan wurde – ähnlich wie für Askoldov – die Berlinale zu einem Schlüsselerlebnis, und auch ihn begeisterte vor allem das Publikum: „Ich bin dem Forum dankbar, so ein anspruchsvolles, neugieriges und fortschrittliches Publikum gepflegt zu haben“, schrieb er später in einem Brief an das Festival.

Problematische Konkurrenz zwischen Panorama und Forum

Festivalinterne Kritik regte sich an der mangelnden Differenzierung zwischen Forum und Panorama. Unter Manfred Salzgeber hatte sich das Panorama ein schillerndes Profil zugelegt und dabei auch in den traditionellen „Revieren“ des Forums gewildert. Eine Retrospektive des neuen australischen Kinos, ein umfangreiches Programm mit Dokumentarfilmen aus den baltischen Sowjetrepubliken, eine Pilot-Reihe „Video“, Filme wie Godards Soigne ta droite | Schütze deine Rechte, Frederick Wisemans Missile und John Waters’ Hairspray waren Programminhalte, die ebenso gut ins Forum gepasst hätten. Im Anschluss an die Berlinale mahnte der Beirat das Panorama zu einer „bescheideneren“ Programmierung, eine etwas unglückliche Formulierung, die außer Acht ließ, dass es in den Folgejahren eher um Profilierung als Bescheidung gehen musste.