Berlinale: Chronik


36. Internationale Filmfestspiele Berlin
14. - 25. Februar 1986

„Menschen mögen zwar rechtmäßige Eigentümer von Urheberrechten sein, aber die Musik von Beethoven, die Gemälde von El Greco, die Schriften von Goethe ebenso wie die Filme von Chaplin, Griffith, Murnau, Pabst und von so vielen anderen Filmemachern gehören wahrhaftig nicht einzelnen, sondern der ganzen Welt.“

(Der Regisseur und Produzent Fred Zinnemann. Ihm war 1986 eine Retrospektive gewidmet und er wurde mit einer Berlinale Kamera geehrt, die in diesem Jahr zum ersten Mal vergeben wurde.)

Der Drehbuchautor und der Regisseur von Stammheim: Stefan Aust und Reinhard Hauff bei der Pressekonferenz.

Die Beste seit Jahren!

Als „eine der besten der letzten Jahre“ bezeichnete Wolfram Schütte die 36. Berlinale in der „Frankfurter Rundschau“. Er erinnerte jedoch auch an den immer deutlicher werdenden Gegensatz zwischen dem, was das „privilegierte“ Berliner Publikum während des Festivals zu sehen bekommt, und dem, was dann in den Kinos oder im Fernsehen landet. Unter der „Provinz“ solle man „nicht nur einen Ort, sondern auch eine Zeit verstehen: den Kinoalltag außerhalb der Großstädte.“ Das Kinosterben hatte eingesetzt, die zunehmende Kommerzialisierung der Branche trieb ihre bitteren Früchte.

Diskussionen hatte es im Vorfeld vor allem um die bundesdeutschen Wettbewerbsbeiträge Heilt Hitler! von Herbert Achternbusch und Stammheim von Reinhard Hauff gegeben – erneut aufgrund von „besorgten Anfragen“ aus dem Bundesinnenministerium. Moritz de Hadeln antwortete diesmal ausführlicher und verwies auf das „künstlerische Mandat, das ich von der Festspiele GmbH erhalten habe“ und dem er nicht gerecht werde, „wenn ich beginnen würde, die Bewertung von Kunst durch Überlegungen bezüglich Opportunität und Notwendigkeit zu begrenzen.“

Filme in einem Wettbewerb von beachtlicher Vielfalt waren u.a. Federico Fellinis Ginger e Fred, der das Festival eröffnete, Gilsodom von Im Kwon-Taek, Caravaggio von Derek Jarman, Anne Trister von Léa Pool und La Messa é Finita | Die Messe ist aus von Nanni Moretti, dem die Jurypräsidentin Gina Lollobrigida gerne den Goldenen Bären gegeben hätte.

„I was against this film.“

Um die Preisverleihung entwickelte sich sogar ein Eklat: Nachdem es in der Juryabstimmung über den Goldenen Bären zunächst einen Patt gegeben hatte, entschied schließlich eine einzige Stimme zugunsten von Stammheim. Gina Lollobrigida trat daraufhin an die Öffentlichkeit mit der Behauptung die Entscheidung sei „vorfabriziert“ gewesen. Bei der Verleihungszeremonie im Zoo-Palast ließ es sich die sichtlich verstimmte Jurypräsidentin dann nicht nehmen, ihr Missfallen über die Mehrheitsentscheidung kundzutun: "I was against this film."

Claude Lanzmann

Deutsche Geschichte auch im Forum: Der wichtigste und herausragende Film dieses Jahres war dort Claude Lanzmanns neunstündige Dokumentation Shoah über die Mordmaschinerie der Nazis und den Völkermord an den europäischen Juden. Zu dem Film gab es mehrere Publikumsdiskussionen mit dem Regisseur und darüber hinaus weitere Filme im Programm, die sich der Dokumentation und Aufarbeitung des deutschen Nationalsozialismus widmeten: Partisans of Vilna von Josh Waletzky, der von jüdischen Jugendlichen erzählt, die im Vilnaer Ghetto den Widerstand organisierten; We were so beloved, eine Dokumentation über jüdische Emigranten aus Nazi-Deutschland in New York und zwei Dokumentarfilme von Lea Rosh: Ein Naziprozess und Vernichtung durch Arbeit.

Ein weiterer Schwerpunkt des Forums lag auf neuem argentinischen Kino, Filmen, die von dem schwierigen Versuch erzählten, nach Jahren des brutalen Militärregimes demokratische Traditionen neu zu beleben – und dabei auch Gerechtigkeit einzufordern für die Verbrechen der alten Machthaber.

Info-Schau wird Panorama

Zum ersten Mal präsentierte sich in diesem Jahr die von Manfred Salzgeber geleitete Info-Schau unter ihrem neuen Namen Panorama. Inhaltlich und strukturell setzte Salzgeber fort, was er in den Vorjahren aufgebaut hatte, bot ein internationales Pogramm innovativer, zumeist unabhängig produzierter Filme und bereitete mit einer Kurzfilm- und einer „Dokumente“-Reihe bereits die Programmstruktur vor, die das Panorama bis heute auszeichnet. Durch den Erfolg der Vorjahre ermutigt, gab es nach einem Mittelmeer- und einem Ostssee-Panorama nun ein Schwarzmeer-Panorama mit Filmen aus Rumänien, der UdSSR, der Türkei und allein drei Filmen aus Bulgarien, das mit Skupa Moja, Skupi Moj | Meine Liebe, Mein Lieber von Eduard Zachariev auch im Wettbewerb vertreten und damit auffällig präsent war.

Einen personellen Wechsel gab es in der Leitung des Kinderfilmfestes. Gaby Sikorski hatte sich entschieden, in Zukunft für UNICEF zu arbeiten, und hinterließ ihren Nachfolgern Renate Zylla und Manfred Hobsch ein intaktes und quirliges Festival mit einem ständig wachsenden Publikum. Die bedeutendste Neuerung war die Einberufung einer Kinderjury. Neben den bereits etablierten Preisen der UNICEF und des CIFEJ (Centre International du Film pour l’Enfance et la Jeunesse) wurde damit erstmals auch ein Preis vom eigentlichen Zielpublikum vergeben, was in den Vorjahren bereits mehrfach angeregt worden war.

Die Kinder haben das Wort im Kinderfilmfest

Schon 1981 hatte Gaby Sikorski im Kinderfilmfest Fragebögen eingeführt, auf denen die Zuschauer ihre Meinung zu den Filmen festhalten konnten. Von diesem Angebot wurde seitdem reichlich gebraucht gemacht, die Filmemacher schätzten diese Form des spontanen Feedbacks – die Idee allerdings, mithilfe der Fragebögen auch die Jurymitglieder zu ermitteln, kam erst viel später.

Neu war schließlich auch die „Berlinale Kamera“, eine Auszeichnung, mit der Persönlichkeiten gedankt wird, die der Berlinale besonders verbunden sind. Die ersten Empfänger dieses Danks waren in diesem Jahr Fred Zinnemann, dem auch eine Retrospektive gewidmet war, und Sydney Pollack, dessen Out of Africa | Jenseits von Afrika außer Konkurrenz im Wettbewerb gezeigt wurde.