Berlinale: Chronik


35. Internationale Filmfestspiele Berlin
15. - 26. Februar 1985

„Meinem Blick auf den Weltfilm, jedes Jahr in Berlin, zwischen Winter und Frühling, ist ein kleines Lokal zugeordnet, am kurzen Weg vom Festivalbüro zum Zoo-Palast. Im Fluß der Gesichter und Händedrücke, verbunden mit dem Satz ‚Wir sehen uns noch’, bietet es einen gewissen Halt. … Wenn die Berlinale aus ist, ist Berlin, wie man erstaunt bemerkt, weiterhin da. Wenigstens am Tag danach aber meide man die gerade noch so kollegial belebten Gastlichkeiten. Mehr oder weniger abgereist, läuft man fremd hinein und hinaus. Im Zoo-Palast läuft Rambo sieben.“

(Ein Stück zeitgenössischer Festivalprosa von Wolfgang Kohlhaase)

Der Zoo-Palast in den 1980er Jahren

Wer nicht zwischen den Stühlen sitzen will, muss lernen Brücken zu bauen

Verschiedene Bemühungen in denkbar verschiedene Richtungen kennzeichneten das Berlinale-Jahr 1985 und zeigten, welche Herausforderung sich mit der Leitung des Festivals verband. Es war kein Geheimnis, dass sich de Hadeln um gute Kontakte zum amerikanischen Film bemühte. Der Wettbewerb bot zunehmend eine Plattform für „das große amerikanische Unterhaltungskino“, wie es gerne genannt wird. Forum und Info-Schau präsentierten dagegen amerikanische Independent- und Undergroundfilme.

Gleichzeitig hatte Moritz de Hadeln jedoch auch an der Verbesserung des Verhältnisses zu Cannes und zum französischen Film gearbeitet. Der Besuch des Berliner Kultursenats Volker Hassemer in Cannes und die Berufung des Schauspielers Jean Marais zum Jurypräsidenten in Berlin wurden als Gesten in diesem Prozess gewertet. Vor allem aber präsentierte sich das französische Kino stark im diesjährigen Wettbewerb. Michel Devilles Péril en la demeure | Gefahr im Verzug, Marguerite Duras’ Les Enfants und Jean-Luc Godards Je vous salue, Marie | Maria und Josef gehörten zu den herausragenden und am heftigsten diskutierten Filmen. Vor allem Godards Film taugte in einer Zeit verstärkter politischer Einflussnahme zum Skandal. Konservative katholische Kreise warfen dem Film Blasphemie vor und versuchten erfolglos, ein Aufführungsverbot zu erwirken. Aus dem Bundesinnenministerium kam wieder einmal eine besorgte Anfrage, die Moritz de Hadeln jedoch betont reserviert beantwortete.

Der Festivalleiter bemühte sich auch um die oft beschworene „Brückenfunktion“ Berlins und der Berlinale. Um dies zu unterstreichen, wurde in Anlehnung an das „Mittelmeer-Panorama“ in der Info-Schau des Vorjahres in diesem Jahr ein „Ostsee-Panorama“ organisiert, in dem Filme aus der UdSSR, Polen, der DDR, der Bundesrepublik und den skandinavischen Ländern gezeigt wurden. Das Bemühen um Parität zeigte sich auch bei der Jury-Besetzung, in der Wolfgang Kohlhaase diesmal die DDR vertrat, und zu einem gewissen Grad auch bei der Auswahl der Wettbewerbsfilme.

Der DDR-Filmemacher Rainer Simon, der für Die Frau und der Fremde einen Goldenen Bären erhielt, kam dennoch später zu einer etwas sauertöpfischen Beurteilung dieses Berlinale-Jahrgangs: Für Filme fast so schwer zu überwinden wie die Berliner Mauer sei die „Mauer, hinter der das Geld steckt“. „Kommerziellen Schund aus Nordamerika“ sieht er die Welt überschwemmen und ihm wird Angst, „wenn man an den Kinokassen (in West und Ost) sieht, wofür sich die große Mehrheit der Zuschauer interessiert.“

Retrospektive wird zum Publikumshit

Vielleicht ist er an einem der Kinos vorbeigegangen, in denen es die Filme der Retrospektive zu sehen gab. Diese widmete sich in diesem Jahr den „Special Effects“ und war so umfangreich, dass sie bereits eine Woche vor dem Festival begann. Diese Retrospektive war ein großer Publikumserfolg und bot eine interessante Variante von de Hadelns Interesse für den US-amerikanischen Film. „King Kong hat einen US-Pass“ hatte er in einem Zwischenbericht an das Kuratorium geschrieben und tatsächlich übersahen ja die Brandreden gegen den Kommerzfilm oft, dass die Geschichte des Films eben auch die Geschichte eines Massenmediums ist.

Info-Schau und Forum arbeiten an ihrem rebellischen Profil

Unterdessen kam auch in diesem Jahr der „anspruchsvolle“ Film nicht zu kurz. In der Info-Schau gab es einen thematischen Schwerpunkt über urbane Lebensentwürfe und Subkultur und innnerhalb dessen eine Konzentration auf amerikanische Underground-Bilder: Gringo von Lech Kowalski, Paul Cadmus – Enfant Terrbile at Eighty von Donald Sutherland, Screamplay von Rufus Butler Seder oder It don’t pay to be an honest citizen von Jacob Burckhardt mit William Burroughs und Allen Ginsberg waren Beispiele für dieses Interesse Manfred Salzgebers, das auch wesentlich zum Profil des „Panoramas“ beitragen sollte, wie die Info-Schau ab dem folgenden Jahr genannt wurde.

Mit Before Stonewall, Greta Schillers und Robert Rosenbergs Dokumentation über die „unsichtbare Geschichte“ der amerikanischen Schwulenbewegung, hatte die Info-Schau darüber hinaus auch einen Kultfilm des politischen Underground im Programm. Dieser wiederum fand sein Echo in Rob Epsteins The Times of Harvey Milk, den das Forum zeigte. Epsteins Film dokumentiert das politische Klima und die Homophobie, die 1978 zur Ermordung des schwulen Bürgerrechtlers Harvey Milk in San Francisco geführt hatten. Aufarbeitung, Recherche und Sichtbarmachung des Unterdrückten und Verdrängten waren Themen des diesjährigen Forums. Robert Altmans Secret Honor, eine Abrechnung mit Richard Nixon, war dafür ein weiteres US-amerikanisches Beispiel. Deutsche Filmemacher gingen nicht weniger radikal mit der eigenen Geschichte ins Gericht: Thomas Harlans Wundkanal: Hinrichtung für vier Stimmen und Eberhard Fechners dreiteilige Dokumentation Der Prozess waren eindrucksvolle und schonungslose Befragungen der Nazi-Vergangenheit – und ihres Fortwirkens bis in die Gegenwart hinein.