Berlinale: Chronik


27. Internationale Filmfestspiele Berlin
24. Juni- 05. Juli 1977

„Da steht sie plötzlich, groß, schlank, wunderschön. Eine Erscheinung, die überhaupt nicht in dieses schäbige Restaurant eines Moskauer Hotels passt… Sie radebrecht ein paar englische Sätze, lächelt ungläubig, schüttelt den Kopf. 'Berlin, das Festival, mein Film? No, no, impossible. Den geben die euch nie'.“

(Wolf Donner erinnert sich Jahre später an seine erste Begegnung mit der russischen Regisseurin Larissa Schepitko.)

Wolf Donner
Wolf Donner

Gelungener Einstand für Wolf Donner

Die Berlinale 1977 war die erste unter Wolf Donners Leitung und es war nicht zu übersehen, dass hier jemand frischen Wind in den Laden bringen wollte. Angefangen mit dem Plakatmotiv, das einen Filmstreifen in einem angebissenen Brötchen zeigte und der Berlinale den Spitznamen „Schrippen-Spiele“ einbrachte, über die Festivalorganisation bis hin zur Programmgestaltung hatte Wolf Donner markante Neuerungen durchgesetzt. Eine offensivere Werbestrategie sollte neue, vor allem jüngere Publikumsschichten erreichen. Die Zusammenarbeit mit der Grafikagentur Noth sorgte für ein zeitgemäßeres und einheitliches Erscheinungsbild der Berlinale-Publikationen im Sinne einer „corporate identity“. Die Kooperation zwischen Wettbewerb und Forum wurde auf eine konstruktivere Basis gestellt, indem ein Sonderprogramm „Deutsche Filme“, das auf der vom Forum initiierten Reihe Neue Deutsche Filme basierte, nun von beiden Sektionen getragen wurde.

Engagement für den deutschen Film, Aufwind für die Info-Schau

Überhaupt bemühte sich Donner um eine stärkere Repräsentanz des deutschen Films auf dem Festival: eine Retrospektive mit Filmen von Ula Stöckl in der Informationsschau, eine kleine Werkschau von Konrad Wolf, dazu vier bundesdeutsche und ein DDR-Film im Wettbewerb. Die Filmmesse, die bislang dem Fachpublikum vorbehalten war, wurde – vorübergehend – zu einer öffentlichen Reihe. Die Informationsschau, die zwischen Forum und Wettbewerb bislang wenig Beachtung gefunden hatte, wurde ausgebaut und dadurch aufgewertet. In den kommenden Jahren sollte sie sich zu einer spannenden Plattform etwa für Filme aus den sozialistischen Ländern entwickeln, die einen Kontrast boten zu den osteuropäischen Beiträgen im Wettbewerb. Die Retrospektive widmete sich dem Bild Lenins und der Revolution im sowjetischen Film. Schon im ersten Jahr setzte Donner seine Akzente: Verjüngung des Festivals in allen Bereichen, stärkere Repräsentanz des deutschen Films und ein unbefangener Umgang mit Filmen aus den sozialistischen Ländern.

© Filmmuseum Berlin
Still aus Voskhozhdeniye

Donner selbst hatte im Vorfeld des Festivals unter bisweilen skurrilen Bedingungen eine Auswahlreise nach Moskau gemacht. Mitgebracht hat er unter anderem Larissa Schepitkos Woschoždene | Die Erhöhung, der später – allerdings nach heftigem Ringen der Juroren – den Goldenen Bären erhielt. Die Konkurrenz im Wettbewerb war stark in diesem Jahr und auch dies half zu einer raschen Akzeptanz des neuen Festivalleiters: Francois Truffaut zeigte L’Homme qui aimait les Femmes | Der Mann der die Frauen liebte, und es liefen u.a. Camada Negra von Manuel Gutiérrez Aragón, Between the Lines von Joan Micklin Silver, Nickelodeon von Peter Bogdanovich, Jabberwocky von Terry Gilliam und Le Diable probablement | Der Teufel möglicherweise von Robert Bresson, dem einige Juroren auch gerne einen Goldbären gegeben hätten.

Für Larissa Schepitko war der Hauptpreis der Beginn ihrer Wahrnehmung im Westen und ihrer viel zu kurzen Karriere. Sie starb vierzigjährig bei einem Autounfall im Sommer 1979. Wolf Donner, mittlerweile ebenfalls ein viel zu früh Verstorbener, hat ihr in „50 Jahre Berlinale“ von Wolfgang Jacobsen eine bewegende Widmung hinterlassen.

Auch Wolf Donner war „ein Mann, der die Frauen liebte“ und ihre Arbeit wertschätzte. Unter seiner Führung erhöhte sich der Mitarbeiterinnenanteil des Festivals erheblich und auch in der internationalen Jury und in der Auswahlkommission sollten Frauen in Zukunft ein deutlich stärkeres Gewicht haben. Donner hatte offenbar die Flugblätter gelesen, die zwei Jahre zuvor auf der Berlinale verteilt worden waren und Geschlechterparität forderten.

Die Vielfalt trägt Früchte

Der starke Gesamteindruck, den das Festival 1977 bei allen Beobachtern hinterlassen hat, verdankte sich diesmal auch der Info-Schau, aus der ein echtes Alternativprogramm zu werden versprach, und natürlich dem Forum: zwei Filme des seiner Zeit inhaftierten türkischen Regisseurs Yilmaz Güney setzten ein klares politisches Signal, die FIPRESCI Jury (Internationale Filmkritikervereinigung) würdigte Güney zudem mit einem Preis für sein Gesamtwerk. Theodor Kotullas' Aus einem deutschen Leben - mit Götz George als KZ-Kommandant Franz Lang (alias: Rudolf Höß) in einer ersten seiner zahlreichen Charakterrollen – bot ein diskursives Gegengewicht zu Joachim C. Fests und Christian Herrendoerfers Hitler – Eine Karriere, der als Sondervorführung im Wettbewerb lief.

Und auch einen Geheimtip gab es im Forum 1977: der philippinische Film Mababangong Bangungot | Der parfümierte Alptraum von Kidlat Tahimiks erzählt die Geschichte eines Taxifahrers, der aus seinen Träumen von einem besseren Leben in der westlichen Welt ein böses Erwachen findet.

Die goldenen Jahre: Alfred Bauer und Gina Lollobrigida (1958)

Vorgeschichte: Ein Festival sucht einen Leiter

Am 30. Mai 1976 war in mehreren Tageszeitungen und Fachzeitschriften die öffentliche Ausschreibung der Stelle des „Leiters der Berliner Filmfestspiele“ erschienen. Alfred Bauers Vertrag lief am 30. November 1976 altersbedingt aus und ein Aufschub seines wohlverdienten Ruhestands stand nicht ernsthaft zur Debatte.

Bis zum Stichtag hatten sich 15 Interessenten auf die Stellenausschreibung beworben, darunter Ulrich Gregor, der Leiter des Forums, Hans Borgelt, langjähriger Pressechef der Berlinale, die Journalisten Hans C. Blumenberg, Kurt Habernoll und Joe Hembus, der Regisseur Ulrich Schamoni sowie der Theaterregisseur und –intendant Rainer Antoine. Der zukünftige Leiter war jedoch noch nicht unter den ersten Bewerbern: Der Filmjournalist Wolf Donner tauchte zunächst nur als einer von sechs „Sachverständigen“ auf, die von einer „Findungskommission“ beauftragt wurden, einen Kriterienkatalog zu überprüfen, nach welchem die Bewerber begutachtet werden sollten. Diese Findungskommission war wiederum zuvor vom Kuratorium ernannt worden. Hinter der umständlichen Delegation der Zuständigkeiten lässt sich eine gewisse Unsicherheit der Verantwortlichen vermuten. Die Entscheidung wollte wohl überlegt sein, immerhin ging es um einen repräsentativen Posten.

Auf Kritik stieß zunächst die Tatsache, dass in der dreiköpfigen Findungskommission neben einem Vertreter des Bundes und des Senats nur ein Vertreter der SPIO – der Spitzenorganisation der deutschen Filmindustrie - saß. Die Filmemacher, die für das internationale Ansehen des deutschen Films dieser Zeit standen – Fassbinder, Herzog, Kluge, Lilienthal und andere – wurden jedoch nicht von der SPIO vertreten. Den zeitgenössischen deutschen Film mit in die Verantwortung zu nehmen, hätte bedeutet, die „Arbeitsgemeinschaft neuer deutscher Spielfilmproduzenten“, das „Syndikat der Filmemacher“ oder den „Filmverlag der Autoren“ am Entscheidungsprozess zu beteiligen. Dies lehnten Bund und Senat aber ab, und so drohten alte Konfliktlinien neu aufzubrechen.

Auch die Länge des Entscheidungsprozesses und dessen mangelnde Transparenz wurden bemängelt. Zudem gab es diverse, zum Teil diffamierende Versuche, für oder gegen einen bestimmten Kandidaten Partei zu ergreifen. Besonders unrühmlich tat sich dabei die "Bild"-Zeitung hervor: Nachdem von den ursprünglichen Bewerbern fünf in die engere Auswahl genommen worden waren – Antoine, Blumenberg, Borgelt, Gregor und Schamoni - lancierte das Blatt eine Diffamierungskampagne gegen Ulrich Gregor, indem sie ihn mehr oder weniger unverhohlen in die Nähe der RAF zu rücken versuchte. In der damaligen politischen Situation, die wenig später den Namen „Deutscher Herbst“ bekommen sollte, grenzte das an Rufmord.

Ein Quereinsteiger gewinnt das Rennen

Aber auch ohne derartige Auswüchse war die Besetzung der Stelle ein Politikum. Wer immer ernannt werden würde, es musste ein Kandidat sein, der in der Lage wäre, zwischen verschiedenen Begehrlichkeiten einen Konsens herzustellen. Wolf Donner wurde erst spät in die engere Wahl gezogen, was in der ohnehin aufgeladenen Situation als ungeschickter Schachzug gerügt wurde. Es sei „unzulässig, nach Schließung der Kandidatenliste einen in der gleichen Sache als Gutachter Tätigen in die engere Auswahl zu ziehen und ihn dann auch noch zum Direktor zu nominieren“, meinte der Berliner Kulturrat – der sich seinerseits für Ulrich Gregor stark machte. Nachdem das Kuratorium am 18. Februar 1976 Wolf Donner einstimmig zum neuen Festivalleiter gewählt hatte, wurde er jedoch rasch als geeigneter Kandidat für die Nachfolge Bauers akzeptiert: An Donners Kompetenz gab es keine Zweifel, er war jung und er hatte sich noch keine Feinde gemacht. „Er wird selbst bald merken, dass es gar nicht so leicht ist, vom kritischen Metier überzuwechseln ins Fach eines Festspielleiters“, bemerkte das Fachblatt „Filmecho/Filmwoche“ trocken, sprach damit aber sicher kein Geheimnis aus.