Berlinale: Chronik


24. Internationale Filmfestspiele Berlin
21. Juni - 02. Juli 1974

„Die Vertragsparteien werden die Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Filmwesens fördern. Zu diesem Zweck werden sie insbesondere die Veranstaltung von Filmwochen, Film-Erstaufführungen, den Austausch von Spiel- und Dokumentar- und Wochenschaufilmen, Gemeinschaftsproduktionen von Spiel- und Dokumentarfilmen sowie die gegenseitige Beteiligung an Internationalen Filmfestspielen unterstützen.“

(Artikel 7 des deutsch-sowjetischen Kulturabkommens, das 1973 in Kraft getreten war.)

Plakate an der Ost-West Grenze (1954)
Kalter Krieg: Berlinale-Plakate entlang der Berliner Sektorengrenze 1954.

Das Eis ist gebrochen

Das Jahr 1974 markiert einen Meilenstein in der Berlinale-Geschichte: zum ersten Mal läuft ein sowjetischer Film im offiziellen Programm des Festivals. S toboj i bes tebja – Mit dir und ohne dich: Der Titel von Rodion Nachapetows Debütfilm las sich wie ein rückblickender Kommentar auf das jahrzehntelange Tauziehen, das diesem Ereignis voran gegangen war. „Die Geschichte der Abstinenz der sozialistischen Staaten von der Berlinale“, so schreibt Wolfgang Jacobsen in „50 Jahre Berlinale“, „ist ein Lehrstück über Politik und Kultur, ein umfangreiches Kapitel Ost-West-Verkrampfung, eine Tragikomödie aus dem Kalten Krieg, ein Spiel mit verteilten Rollen und wechselnden Protagonisten.“

Szenen einer Scheidung

Der Beirat für die Internationalen Filmfestspiele Berlin hatte bereits bei der Gründung des Festivals beschlossen, keine Filme aus „Ostblockstaaten“ einzuladen. An dieser Haltung änderte sich bis Ende der sechziger Jahre offiziell wenig. Inoffiziell gab es dagegen sehr wohl Bemühungen der Annäherung. Mal richteten sich diese an die DEFA, die staatliche Filmgesellschaft der DDR, mal wurde der Kontakt zu „Sovexport“ gesucht, die für die Repräsentanz sowjetischer Filme im Ausland zuständig war.

Aber auch auf der anderen Seite tat man sich schwer, offizielles Interesse an einer Veranstaltung zu bekunden, die vor allem den „imperialistischen Ambitionen der USA“ diente. Die wechselnden Rollen, von denen Jacobsen spricht, besetzten mal der Berliner Senat, mal die Außenministerien, mal das Festival selbst oder einzelne Akteure mit guten Verbindungen – auf der anderen Seite das Politbüro, der Botschafter oder die sowjetischen Filmfunktionäre. In manchen Jahren kam man einer Teilnahme von osteuropäischen Filmen an der Berlinale so nah, dass sie nur noch eine Formsache schien, im Folgejahr aber konnte sich dann alles schon wieder anders darstellen. Die diplomatischen Befindlichkeiten wechselten beständig und waren für das Festival wenig berechenbar.

Nur vereinzelt tauchte einmal ein osteuropäischer Film in der Filmmesse auf oder meldete sich eine tschechische oder russische Beobachterdelegation für die Berlinale an. Im Kalten Krieg waren die Frühlingsgefühle zu kurz, die Ansätze zu Verständigung und Toleranz blieben zierliche Pflänzchen. Das bedeutendste - und von beiden Seiten immer wieder bemühte - Hindernis für eine Teilnahme der sozialistischen Staaten an der Berlinale war der „besondere diplomatische Status Berlins“ - aufgeladen mit einer Symbolik, der mit Vernunft und politischem Pragmatismus lange Zeit nicht beizukommen war. Denn zum „diplomatischen Status“ gehörten ja neben den realpolitischen Härten auch allerlei Kuriositäten: auf DDR-Landkarten existierte West-Berlin nicht und auch in der offiziellen Sprachregelung der BRD gab es die DDR lange Zeit gar nicht.

Freiheit und Notwendigkeit?

Die Entscheidung über die Teilnahme der sozialistischen Staaten an der Berlinale wurde nicht nach künstlerischen, sondern nach (welt)politischen Kriterien gefällt. Alfred Bauers Arbeit glich in dieser Sache eher der eines Diplomaten, als der eines künstlerischen Leiters, und die Interessen des Festivals waren ja selten identisch mit denen der Politik. Spätestens mit der Teilnahme osteuropäischer Filme am Festival in Cannes und der Zuerkennung des A-Status an das Festival in Karlovy Vary wurde die Sonderstellung der Berlinale zum Manko. In den sozialistischen Staaten wurde große Filmkunst geschaffen, aber in der Stadt, die für eine Brückenfunktion prädestiniert gewesen wäre, durften diese nicht gezeigt werden.

© Filmmuseum Berlin
Szene aus Tabejade Bijan (Stilleben) des Persers Sohrab Sahid Saless

Erst als die Politik Willy Brandts Anfang der Siebziger Jahre eine allmähliche Entspannung des Ost-West-Verhältnisses brachte, änderte sich auch die Wetterlage für die Berlinale. Schon nach der Unterzeichnung der Ostverträge 1972 machte sich Alfred Bauer Hoffnung auf eine Teilnahme der Sowjetunion an der Berlinale. Ein Treffen mit dem sowjetischen Botschafter Abrassimow in Cannes verlief viel versprechend und auch Bauers Bemühungen bei ungarischen Vertretern gaben Grund zur Hoffnung. Schließlich führt jedoch der Berliner Senat das Argument ins Feld, die Zeit reiche nicht aus, um eine derart bahnbrechende Entscheidung ausreichend vorbereiten zu können.

Bauer hoffte auf das kommende Jahr und führte im August 1972 am Rande des Festivals in Karlovy Vary zahlreiche Gespräche mit Vertretern der CSSR, Polens, Bulgariens und der DDR. Als Kompromiss war kurzzeitig auch im Gespräch, zunächst eine Auswahl von DEFA-Filmen ins Berlinale-Programm zu nehmen, aber auch dieser Vorstoß blieb ohne Erfolg. Mehrmals lehnte die sowjetische Seite Einladungen der Berlinale kommentarlos ab. Erst im Juni 1973 gibt ein Brief des sowjetischen Konsuls an Bauer die nachträgliche Begründung: die Einladungen waren „im Einvernehmen mit der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und dem Senat von Berlin“ ergangen und bedienten sich damit einer Sprachregelung des - mittlerweile veralteten - Vier-Mächte-Abkommens. Die sowjetische Seite betrachtete dies als Erpressung und machte ihre Teilnahme an der Berlinale von einer Reduzierung des Bundeseinflusses auf das Festival abhängig.

Man stieß sich nicht nur an der Trägerschaft des Bundes, sondern auch an der Bundesfilmpreisverleihung, die stets im zeitlichen Rahmen der Berlinale und in Berlin stattfand, sowie am traditionellen Empfang des Bundespräsidenten. Noch dreimal trafen sich der sowjetische Generalkonsul Scharkow und sein Vizekonsul Nikotin mit Senatsdirektor Herz und Regierungsdirektor Schröder. Aber auch ohne dass es größerer Einschnitte in die Festivalstruktur bedurfte hätte, erhält Alfred Bauer am 3. Juni 1974 schließlich – zwei Wochen vor Festivalbeginn einen Anruf von Nikotin, in dem dieser ihm mitteilt, die Sowjetunion werde sich mit einem Film „außer Konkurrenz“ und einer Beobachterdelegation an der Berlinale beteiligen. Das Eis war gebrochen.

Ein Jahr des Aufbruchs

Zur allgemeinen Freude über dieses Ereignis kam ein generell positiver Eindruck des Berlinale-Jahrgangs 1974 hinzu. Vor allem die deutlich bessere Filmauswahl im Wettbewerb wurde von den Rezensenten hervorgehoben. Meisterwerke wie Fassbinders Effi Briest und Taverniers L’Horloger de Saint Paul | Der Uhrmacher von Saint Paul ließen die Herzen bei Publikum und Presse höher schlagen – dass Fassbinders Film dann jedoch bei der Preisvergabe leer ausging, stieß auf ebenso einhelliges Unverständnis und brachte der Jury harsche Kritik ein.

Gelobt wurde dagegen vor allem, dass sich die Programme von Wettbewerb und Forum thematisch einander angenähert hätten und interessante Querverweise entstünden. Exemplarisch dafür standen zwei Filme des Persers Sohrab Shahid Saless: sein Debütfilm Yek Ettefaghe Sadeh | Ein einfaches Ereignis lief im Forum, Tabiate Bijan | Sillleben wurde im Wettbewerb gezeigt. Filme wie diese – karge illusionslose Alltagsgeschichten - ließen Peter W. Jansen in der „Frankfurter Rundschau“ von einem „Festival fast aus einem Guß“ sprechen. Er lobte vor allem die deutliche Zunahme von künstlerisch anspruchsvollen Filmen im Wettbewerb: „In diesen Filmen wird mehr oder weniger direkt, in der Einkleidung der historischen Darstellung oder der Komödie oder der Parabel, von durchaus konkreten Dingen gesprochen, vor allem von den Bedingungen, unter denen der einzelne in der jeweiligen gesellschaftlichen Realität existieren muss.“