Berlinale: Chronik


23. Internationale Filmfestspiele Berlin
22. Juni - 03. Juli 1973

„Ein Revolutionär der Form kehrt, siegreich, in das Gebrauchs- und Amüsierkino, erhobenen Hauptes, zurück.“

(Friedrich Luft in der „Welt“ über Claude Chabrol und seinen Film Les Noces Rouges.)

© Filmmuseum Berlin
The Year of the Woman von Sandra Hochman

Das Geld reicht nicht für zwei

Im Vorfeld des Festivals ging es vor allem um Etatfragen. Festivalleiter Alfred Bauer und Forum-Chef Ulrich Gregor kämpften gemeinsam für eine Erhöhung des Festspieletats, auch wenn sie über die Aufteilung zusätzlicher Mittel unterschiedliche Vorstellungen hatten. Der Festivaletat lag bei 1,2 Millionen D-Mark und war nicht erhöht worden. Bauer rechnete vor, dass dies bei Berücksichtigung der Inflation noch unter dem Etat von 1966 lag, als es das Forum noch gar nicht gegeben hatte. Im Vergleich der großen internationalen Festivals war die Berlinale damit das Schlusslicht. Die Zeit schien gut für die Forderung nach mehr Geld für die Berlinale, denn mit der Unterzeichnung des Vier-Mächte-Abkommens über Berlin und dem Grundlagenvertrag war die Rolle der Stadt als kulturelle Mittlerin ausdrücklich betont worden. Das Kuratorium sah sich (im Anschluss an das Festival) jedoch nicht in der Lage, mehr als 100.000 D-Mark zusätzlich bereit zu stellen. Das reichte gerade mal für die Anschaffung einer Dolmetscheranlage für das Forum. Was blieb, war ein Tropfen auf den heißen Stein.

© Filmmuseum Berlin
Für Ashani Sanket bekam Satyajit Ray den Goldenen Bären.

Was die Filme anbelangte, bot die Berlinale 1973 jedoch Grund für einigen Optimismus. Das Forum holte weiterhin spannendes und anspruchsvolles Kino nach Berlin, wendete sich nun auch neuen Erzählformen zu, die nicht immer politisch motiviert sein mussten. Aber auch der Wettbewerb enttäuschte in diesem Jahr nicht. Filme wie Robert Aldrichs Emperor of the North, Satyajit Rays Ashani Sanket, André Cayattes Il n’y pas de Fumée sans feu und Claude Chabrols Les Noces Rouges erzählten auch im Wettbewerb Geschichten des Umbruchs und der problematisch gewordenen Wirklichkeit.

Einerseits, andererseits

Während Lee Marvin und Ernest Borgnine, die Hauptdarsteller aus Emperor of the North, die Stars beim Publikum waren, kam Chabrols Film bei den Kritikern am besten an. In Friedrich Lufts Rezension des Films kann man den Balanceakt durchscheinen sehen, den es nach Alfred Bauers Auffassung im Wettbewerb zu halten galt: „Genussvolle Kolportage – aber auf dem Silbertablett. Ein Revolutionär der Form kehrt, siegreich, in das Gebrauchs- und Amüsierkino, erhobenen Hauptes, zurück.“

Für einige Irritationen sorgte Eiichi Yamamotos Knashimino Belladonna, der als Zeichentrickfilm angekündigt war und damit offenbar als „Familienunterhaltung“ missverstanden wurde. Das Publikum brachte die Kinder mit, aber anstatt eines „japanischen Disney“ bekam es einen entfesselten Bilderreigen schwelgerischer Sexualität zu sehen. Zwar verließen die Zuschauer in Scharen den Saal, für einen Skandal reichte das aber nicht - was man wohl als Reifeprozess verbuchen konnte.

Starker Auftritt des französischen Kinos

Schon im Wettbewerb hatte sich das französische Kino stark präsentiert. Im Forum wurde dieser Eindruck nachdrücklich bestätigt. Jean Eustaches La Maman et la Putain, Godards Tout va Bien und die vierstündige „Kurzfassung“ von Jacques Rivettes Out One Spectre wurden bereits bei ihrer Premiere als bleibende Kunstwerke auf der Höhe ihrer Zeit erlebt. Wettbewerbs- und Forumsfilme schufen in diesem Jahr an vielen Stellen sinnvolle Ergänzungen und Anschlussmöglichkeiten, die auch von den Rezensenten aufgegriffen wurden. Man hatte sich wieder etwas zu sagen. Da tat es auch nicht mehr weh, wenn die Mitarbeiter des Forums kollektiv den „Kunstpreis Berlin“ mit der Begründung bekamen, „gegenüber dem angeschlagenen Selbstverständnis der offiziellen Berliner Filmfestspiele eine konkrete Alternative gesetzt“ zu haben. Wettbewerb und Forum begannen zusammen zu wachsen und ließen sich nicht mehr so einfach auseinander dividieren.