Berlinale: Chronik


22. Internationale Filmfestspiele Berlin
23. Juni - 04. Juli 1972

„Filme des Einerseits-Andererseits, Filme, in denen der Konsumcharakter mit künstlerischem Anspruch kompensiert wird (und umgekehrt), Filme der Mittelklasse, und das heißt auch eines mittelständischen Publikums.“

(Der Filmkritiker Peter W. Jansen in der „Frankfurter Rundschau“ über die Filme des diesjährigen Wettbewerbs, dem mit dem Forum eine interne „Konkurrenz“ erwachsen war.)

© Filmmuseum Berlin
Szene aus Pasolinis I Racconti Di Canterbury

Rivalen oder Partner?

Offiziell fand sich Alfred Bauer mit der Zweiteilung der Berlinale in den Wettbewerb und das Internationale Forum des Jungen Films ab. Intern jedoch war klar, dass er dabei lediglich den Festivalfrieden zu retten suchte und persönlich keineswegs von der Sinnhaftigkeit der neuen Struktur überzeugt war. Er sah den Wettbewerb zu Unrecht herabgesetzt, warf den Kritikern Einäugigkeit vor und argumentierte mit der enormen Zugkraft eines internationalen Wettbewerbs, die er für das Festival als existenziell empfand.

Die Besucherzahlen gaben ihm Recht: während sich die publizistische Aufmerksamkeit vor allem auf das Forum konzentrierte, lockte der Wettbewerb viermal soviel Menschen in die Kinos wie das Forum. Bauers Einschätzung, das Forum alleine besäße „keinerlei internationale Ausstrahlung“, sondern hätte „als ein politisches Seminar mit dem ausschließlichen Ziel der Bewusstseinsbildung nur lokale Bedeutung“, zeigte deutlich, wie groß die Distanz noch war – und bewies damit gerade die Notwendigkeit der Diskussion, um die es dem Forum ja ging. Bauer sprach in seiner Kritik ganz im Tenor der „Elterngeneration“, die den progressiven Neigungen der Jüngeren mit Misstrauen begegnete.

© Filmmuseum Berlin
Szene aus Hammersmith is out von Peter Ustinov

Die Konfliktlinien innerhalb des Festivals lassen sich rückblickend unschwer als Spiegelung der gesellschaftlichen Wetterlage lesen. Die Aktionen der RAF sorgten für eine allgemeine Radikalisierung auf allen Seiten: in der Presselandschaft wurde das Klima rauer, in den Debatten der Ton härter, der Hang zur Polemik nahm zu. In einem Beitrag für die „Zeit“ beschrieb der Journalist - und spätere Festivalleiter - Wolf Donner den Gegensatz zwischen Wettbewerb und Forum als eine Gewissensentscheidung zwischen „Plüsch“ oder „Politik“: „Der Unterschied ist tatsächlich eklatant: beim Wettbewerb roter Plüsch, Ankündigungen in drei Sprachen, Stars mit Blumensträußen, feine Leute und bemühte Festlichkeit – beim Forum mehr Bärte und lange Haare, Gammel-Look, eine informelle Atmosphäre, Diskussionen.“

Plüsch und Politik

Donners Zwei-Welten-Bild zeigt, dass die Zeichen der Zeit den Festivalalltag bestimmten und auch als solche wahrgenommen wurden. Noch waren die Linien zwischen Establishment und Anti-Establishment klar zu erkennen. Für eine zusätzliche Verschärfung des Gegensatzes sorgte in diesem Jahr zudem die nicht zu leugnende Schwäche des Wettbewerbsprogramms – gegenüber einer zumindest aufregenden und spannenden, in weiten Teilen hervorragenden Auswahl im Forum. Die Wettbewerbsauswahl – u.a. Filme von Peter Ustinov, Marco Ferreri, Arthur Miller, Rainer Werner Fassbinder, Zin-Uh Zeong und Pier Paolo Pasolini – wollte allzu offensichtlich einen Mittelweg gehen und fiel dabei allzu oft in Mittelmäßigkeit. Der Goldene Bär an Pasolinis I Racconti di Canterbury wurde als Verlegenheitslösung gewertet. Immerhin hatte Pasolini an anderer Stelle mehrfach sein Genie bewiesen.

Die Filme des Forums hingegen zeigten die Themen der Zeit, dokumentierten die politischen Kämpfe, erzählten persönliche Geschichten vom gescheiterten Leben, sprachen unverblümt und kompromisslos. Die Idee, einigen zeitgenössischen Filmen thematisch ähnlich gelagerte ältere Werke zur Seite zu stellen, bewies den hohen filmhistorischen und intellektuellen Anspruch des Forums und wurde positiv aufgenommen. Friedrich Luft – ein kritischer Beobachter des Festivals und berüchtigt für radikale Forderungen – plädierte dafür, den Wettbewerb kurzerhand ganz zu Gunsten des Forums abzuschaffen. Und auch die eher bedachtere Karena Niehoff wollte in diesem Jahr keine Lanze für den Wettbewerb brechen und erklärte das Forum zum „eigentlichen Sieger“ des Festivals.