Berlinale: Chronik


21. Internationale Filmfestspiele Berlin
25. Juni - 06. Juli 1971

„Die 20. Internationalen Filmfestspiele 1970 in Berlin haben nicht stattgefunden. Aus dem Jubiläum wurde ein Jahr Null. Das ist immerhin eine Chance; mal sehen, wie sie verspielt wird.“

(Alfred Brustellin in der „Süddeutschen Zeitung“ nach dem Eklat 1970.)

© Filmmuseum Berlin
Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt

Das „Gegenfestival“ wird integriert

Das Festival 1971 stand noch ganz unter dem Eindruck des Eklats im Vorjahr. Nachdem viele Beobachter bereits das Ende der Berlinale vorhergesagt hatten, war es immerhin gelungen, binnen eines Jahres nicht nur die Verfechter der verschiedenen Standpunkte – das „Alte“ und das „Neue“ - zu einem konstruktiven Dialog zu bringen, sondern die Kritiker des Festivals auch mit in die Verantwortung zu nehmen: Erstmals wurde das Internationale Forum des Jungen Films als ein offizieller Teil der Berlinale veranstaltet. Mit einem eigenen, wenn auch nicht üppigen, Etat ausgestattet konnten die „Freunde der Deutschen Kinemathek“ um Ulrich Gregor und Manfred Salzgeber ein Programm zusammen stellen, das ihren Vorstellungen von Erneuerung, Öffnung und kritischem Diskurs gerecht wurde. Was als Gegenfestival begonnen hatte, sorgte von nun an für eine inhaltliche Erweiterung der Berlinale. Nicht wenige sahen in diesem Schritt die Rettung des Festivals, unübersehbar waren jedoch auch die Anachronismen. Es sollte Jahre dauern, bis zusammen gewachsen war, was zunächst weder wirklich zusammen gehörte, noch zusammen gehören wollte.

Die Verantwortung des Kritikers

„Über avantgardistische und progressive Entwicklungen des Films in allen Ländern zu informieren, sowie diese Entwicklungen zu unterstützen“, war das erklärte Ziel der MacherInnnen des Forum. Ebenso wichtig wie das Zeigen der Filme wurden die anschließenden Diskussionen und die Förderung einer differenzierten Rezeption des Gesehenen. Zu den Filmen des Forums wurde Informationsmaterial bereit gestellt, es gab Podiumsdiskussionen und allgemein das Bemühen „Gemeinsamkeiten und Widersprüche zwischen den einzelnen Filmen“ sichtbar zu machen. Auf die Vergabe von Preisen wurde dabei bewusst verzichtet, da „der Versuch, zwischen einzelnen, den Intentionen und der Form nach unterschiedlichen … Filmen eine Hierarchie der Qualität oder der Verdienste herzustellen“, den Organisatoren des Forums „prinzipiell fragwürdig“ erschien.

In all diesen Punkten war die Kritik an der bisherigen Struktur des Festivals unverkennbar. Nicht nur lebte die Berlinale ja wie alle großen Festivals zu einem großen Teil von der kompetitiven Aufmerksamkeit um den Wettbewerb. Auch die explizite Anerkennung von „Widersprüchen“ und „Unvergleichbarkeit“ klang nicht zufällig wie eine verspätete Antwort auf Alfred Bauers „Tagesspiegel“-Beitrag von 1963. Darin hatte er das Festival als „Leistungsschau“ charakterisiert, von der „ideellen Natur“ seiner Aufgabe als Festivalleiter gesprochen und einen unverbindlich harmonisierenden Ton angeschlagen, der noch in die 50er Jahre zu gehören schien.

Bauer bleibt skeptisch

An den Grundsatzpositionen Bauers hatte sich auch im Laufe der wechselhaften 60er Jahre wenig geändert und es konnte niemanden überraschen, dass er im Inernationalen Forum des Jungen Films zunächst vor allem eine Konkurrenz sah und die Zweiteilung des Festivals als unbefriedigende Zwitterlösung empfand. „Alle Tendenzen des Films“, seien in diesem Jahr vertreten gewesen, resümierte er mit indigniertem Unterton, „Kunst, Kommerz, Dokument, Ideologie und Agitation.“ Schlagworte der Zeit, die aber auch beweisen, dass die Debatte – gewollt oder nicht – bereits begonnen hatte. Wo es Konflikte und Meinungsverschiedenheiten gab, galt es eine widerstandsfähige Streitkultur aufzubauen - und dazu mussten die gegensätzlichen Positionen erst einmal benannt werden.

Schwerpunkte des Forum-Programms waren neue deutsche Filme von Ula Stöckl, Edgar Reitz und Alexander Kluge, politisch engagierte Spiel- und Dokumentarfilme, experimentelles Kino und Filme aus bislang weitgehend unbekannten Filmländern. Mit Rosa von Praunheims Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt erlebte das offensive Zielgruppenkino seinen Einstand auf der Berlinale. Das extrem vielfältige Programm schien bislang Versäumtes nachholen zu wollen und eine Reihe ‚moderner Klassiker’ bediente diese Befindlichkeit explizit.

Forum findet breite Anerkennung

Der Erfolg des Forums wurde allgemein als Bestätigung der jahrelangen Kritik interpretiert. „Der wichtige Film“ sei „in das Nebenfestival abgewandert“, konstatierte Friedrich Luft in der „Welt“. „Der sogenannte relevante Film störte das Hauptfestival also nicht mehr.“ Solche Polemik war natürlich Öl ins Feuer der festivalinternen Auseinandersetzungen – und schoss auch über das Ziel hinaus, denn immerhin liefen im Wettbewerb neue Filme von Ingmar Bergman, Pier Paolo Pasolini, Vittorio de Sica, Rainer Werner Fassinder, Robert Bresson und Kon Ichikawa. Tatsächlich galt es nun zu verhindern, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn langfristig musste es dem Festival darum gehen, das kritische und irritierende Potential des Films mit seiner Breitenwirkung zu verbinden.