Berlinale: Chronik


19. Internationale Filmfestspiele Berlin
25. Juni - 06. Juli 1969

„In One Plus One ist Brian Jones meist von hinten zu sehen, ähnlich wie der Todgeweihte in Wim Wenders’ Alabama. Und vom Gitarrenkopf sieht man die Enden der Gitarrensaiten so weit abstehen, daß man sie zuerst für Haare hält. One Plus One ist schon jetzt ein legendärer Film.“

(Peter Handke sucht und findet in Jean-Luc Godards Rolling-Stones-Film das Legendäre im Detail.)

© Filmmuseum Berlin
Rani Radovi von Zelimir Zilnik

Der Morgen danach

Auch für die Berlinale war das Jahr 1969 gezeichnet von der revolutionären Euphorie des Vorjahres und dem Einsetzen einer gewissen Katerstimmung, die wohl niemanden wirklich überraschte. Was heute als Teil des Selbstfindungsprozesses einer sich verändernden Gesellschaft gilt, wurde im Sommer 1969 als innere Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit innerhalb der linken Gesellschaftskritik erlebt. Das Bemühen zur Abgrenzung und Differenzierung schien stärker zu sein, als die beschworene Einheit.

Der Episodenfilm Amore e Rabbia | Liebe und Zorn montiert fünf Beiträge von Carlo Lizzani, Bernardo Bertolucci, Pier Paolo Passolini, Jean-Luc Godard und Marco Bellochio zu einem fiktiven Diskurs zwischen protestierenden Studenten, Dozenten und Polizei und löst damit zumindest formal ein Versprechen auf Vielstimmigkeit ein. Andere Filme wurden dagegen als idiosynkratische Äußerungen gesehen. Die thematische Klammer „gesellschaftlicher Wandel“ oder „Generationenkonflikt“ war weit gespannt und ließ viele Assoziationen zu. Filme wie Rani Radovi von Zelimir Zilnik, Godards Le Gai Savoir | Die fröhliche Wissenschaft, Peter Zadeks Ich bin ein Elefant, Madame, Fassbinders Liebe ist kälter als der Tod, Luis Buñuels La voie lactée | Die Milchstraße oder Greetings von Brian de Palma waren starke eigenständige Beiträge, die man jedoch nur gewaltsam der gleichen "Sache" zuordnen konnte. Vielmehr, und das wurde auch von der zeitgenössischen Kritik gesehen, standen sie für eine Regionalisierung der angestoßenen Debatten.

© Filmmuseum Berlin
Liebe ist kälter als der Tod: Ulli Lommel, Rainer-Werner Fassbinder

Das Selbstbild wandelt sich

Trotz eines starken Programms verzichtete die Berlinale 1969 fast gänzlich auf einen repräsentativen Auftritt und gab sich nüchtern wie kaum ein anderer Festivaljahrgang, Einigen Berichterstattern schien es, als wolle das Festival in diesem Jahr eher unauffällig bleiben - wenn es denn schon stattfinden musste. „Eine schnelle, geschäftliche, kleinlaute Prozedur das ganze, der genaue Spiegel der Festival-Stimmung“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ über die Preisverleihung und befand: „In diesem Falle dennoch sympathisch: der überkommene Branchenkult hat kaum noch Gläubige, die Selbstdarstellung einer Industrie funktioniert schon lange nicht mehr bruchlos.“ Es war die Ruhe vor dem Sturm, der dann im Folgejahr losbrechen sollte und grundlegende Veränderungen zur Folge hatte.