Berlinale: Chronik


18. Internationale Filmfestspiele Berlin
21. Juni - 02. Juli 1968

„Das Festival zu sprengen, wäre für die Studenten nur ein zweifelhafter Erfolg. Besser wäre es, ein anderes Festival zu erzwingen.“

(der Filmkritiker Enno Patalas im Vorfeld der Berlinale 1968 in der „Zeit“)

© Filmmuseum Berlin
Week-End von Jean-Luc Godard

„A la grande salle!“

Zwei Jahre zuvor hatte der Filmkritiker Enno Patalas die Abgrenzung der Berlinale vom Vorbild Cannes gefordert. Nun geschah in Cannes das: protestierende Studenten und streikende Arbeiter besetzen das Festival als Agitationsplattform, viele Filmemacher erklären ihre Solidarität und Jean-Luc Godard ruft zu einer Art Sturm auf die Bastille, bei dem diesmal der Film befreit werden soll: „A la grande salle!“ Festivalchef Favre Le Bret bricht das Festival ab. Das „Undenkbare“ war Wirklichkeit geworden.

In Berlin bereitete man sich auf Ähnliches vor. Es wurde präventiv diskutiert, wie man den Abbruch des Festivals verhindern könnte. Man wusste, dass man der gesellschaftlichen Entwicklung und dem Protest der Studenten Tribut zollen müsste. Nicht alle jedoch sahen in der angespannten Lage nur eine Gefahr, Enno Patalas wollte darin auch eine Chance für die Berlinale erkennen. Für ihn lagen die Proteste auf einer Entwicklungslinie, die er schon früher gefordert hatte, nämlich die Berlinale zu einem „Ort der Auseinandersetzung, nicht der gegenseitigen Komplimente“ zu machen. Er schlug vor, es nicht auf Sieg oder Kapitulation ankommen zu lassen, sondern die Berlinale für den gesellschaftlichen Protest zu öffnen. Eine Vereinnahmung, die auf die Kooperationsbereitschaft der Studenten angewiesen war.

Die Revolution fand nicht statt

So einfach war es 1968 jedoch nicht. Es gab mehr Fronten, als man auf den ersten Blick erkennen konnte. Bei einer Diskussionsveranstaltung, auf der die Möglichkeiten für ein „anderes Festival“ ausgelotet werden sollten, wurden Patalas, Alexander Kluge, Edgar Reitz, Christian Rischert und Johannes Schaaf mit Eiern beworfen. Sie hatten geglaubt, auf der gleichen Seite zu stehen wie die protestierenden Studenten, für diese waren sie jedoch „Lakaien des Establishments“. Auseinandersetzung gab es also reichlich. Und keine Komplimente für niemanden, das hatte Patalas sich wohl anders vorgestellt.

Während die Opposition sich selbst bekämpfte, blieb die Berlinale weitgehend unbehelligt. „Die Revolution fand nicht statt“, meinte Wolfgang Jacobsen in „50 Jahre Berlinale“ und bedauert das: „Die Möglichkeit, das Festival zu beeinflussen, inhaltliche Umstrukturierungen durchzusetzen, selbst die Chance für ein Gegenfestival waren so groß wie nie zuvor.“ Senat und Festivalleitung waren darauf eingestellt zu reagieren und sie hätten es getan, um die Berlinale - in welcher Form auch immer – zu retten.

In einer öffentlichen Veranstaltung unter dem bemerkenswert vorsichtigen Motto „Welche Chancen hat die Berlinale?“ stellten sich Alfred Bauer und der Berliner Festspiele Chef Walther Schmiederer der Kritik. Mit auf dem Podium saßen unter anderem Enno Patalas und Ulrich Gregor. Es ging dabei nicht nur um das Festival, sondern um grundsätzliche Kritik an der Filmwirtschaft, den Distributionswegen und den Filmen im Allgemeinen. Und überhaupt: man solle die Verleihfirmen enteignen und die Eintrittspreise abschaffen. Alles wurde in Frage gestellt, alles schien möglich. Wirklich wurde dann vorerst nur die Einrichtung „permanenter öffentlicher Diskussionen“ und die Vorführung von dffb-Filmen im Rahmen der Berlinale.

Ein Festival im Zeichen der Zeit

Aber auch darüber hinaus trug das Festival die Zeichen der Zeit: Godards Week-End wurde als die Fortführung der Realität mit den Mitteln des Kinos erlebt und war der auffälligste Film des Wettbewerbs. Auch Jean-Marie Straubs Chronik der Anna Magdalena Bach ließ vielfältige Verknüpfungen zur fundamentalen Kritik an der Gesellschaft und ihren Reproduktionsformen zu: „Dieser Film ist (auch) ein Protest, gar ein Streik gegen Filmhilfe- und Notstandsgesetze, und ein Appell an gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen, die jeden Film zugänglich machen werden“, schrieb Straub in einem Brief an Bauer, in dem er begründete, warum er seinen Film „trotz allem“ im Festival zeige.

Was sich Bauer wohl dazu gedacht hat? Er hatte sich um Roman Polanskis Rosemary’s Baby und Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey für den Wettbewerb bemüht. Die bekam er nicht. Den Beatles-Film Yellow Submarine hätte er bekommen können, wollte ihn aber nicht. Bekommen und gezeigt hat er dagegen Werner Herzogs Debüt Lebenszeichen und das sei ihm hoch angerechnet.