Berlinale: Chronik


17. Internationale Filmfestspiele Berlin
23. Juni - 04. Juli 1967

„Die Entstaatlichung … ist in Berlin generell ein kulturpolitisches Ziel, einfach aus der Überzeugung, dass vieles, was in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren zu einer Aufgabe der staatlichen Verwaltung geworden ist, wieder reprivatisiert werden sollte; dass es wieder gesellschaftlichen Kräften überlassen werden muss.“

(Senatsdirektor Harald Ingensand in einem Interview des „Spandauer Volksblatt“ anlässlich der Umwandlung der Berliner Festspiele in eine GmbH.)

© Filmmuseum Berlin
Jean-Pierre Léaud in Jerzy Skolimowskis Le Départ

GmbH - Mit beschränkter Haftung

Im Jahr 1967 wurde die Berlinale formal in eine privatrechtliche Struktur überführt. Was bislang eine vom Land Berlin und von der Bundesrepublik jährlich ausgerichtete Kulturveranstaltung gewesen war, wurde nun zu einem Geschäftsbereich der „Berliner Festspiele GmbH“. Deren Gesellschafter waren zwar weiterhin Berlin und der Bund, man erhoffte sich von der neuen Organisationsstruktur aber eine Überwindung der diplomatischen Probleme, die eine Beteiligung der Ostblockstaaten am Festival bislang verhindert hatten. Die sozialistischen Staaten wurden offiziell eingeladen, die Berlinale mit Filmen zu beschicken, alle außer einem: die DDR blieb ausgeschlossen. In der offiziellen politischen Sprachregelung gab es sie nicht. Die Kritiker sahen in der Umstrukturierung daher einen rein taktischen Schritt mit einem falschen Kompromissangebot. „Kein Wunder also, dass die Ostblockstaaten von einem Trick sprechen und wegbleiben“, kommentierte Uwe Nettelbeck nüchtern in der „Zeit“.

Enttäuschung über Absagen aus dem Ostblock

Die Enttäuschung auf Seiten der Berlinale war groß, als tatsächlich alle Eingeladenen die Einladung ablehnten – außer dem blockfreien Jugoslawien, das jedoch ohnehin bereits auf der Berlinale präsent gewesen war. In einem Aktenvermerk hält Alfred Bauer indigniert fest, dass auf einer Versammlung der Direktor der staatlichen Filmindustrien der Ostblockländer der Vertreter der DDR seine Kollegen aufgefordert habe, die Einladung abzulehnen. Noch waren die Fronten und Zugehörigkeiten klar abgesteckt.

© Filmmuseum Berlin
Edith Evans und Michel Simon

Die Berlinale 1967 brachte Ernüchterung. Der Reformeifer der vergangenen Jahre wich einer gewissen Ratlosigkeit. Es wurde mehr gegrübelt als diskutiert. Nur drei Filme stachen heraus: Der Gewinner des Goldenen Bären, Jerzy Skolimowskis Le Départ mit Jean-Pierre Léaud, Johannes Schaafs Tätowierung und Eric Rohmers La Collectionneuse, den Uwe Nettelbeck mit einer Wehmut kommentierte, die nicht nur den Film betraf: „Noch sieht dieser Film sich an wie ein Film von einem andere Stern oder aus einer anderen, späteren Zeit, noch klingt das Glücksversprechen, das er gibt, phantastisch. Das müsste nicht so sein, und eines Tages wird es nicht mehr so sein.“