Berlinale: Chronik


16. Internationale Filmfestspiele Berlin
24. Juni - 05. Juli 1966

„Autogrammblocks gibt es nicht mehr. Darsteller, obgleich sie heute wahrscheinlich viel intelligenter sind als die einstmals umbuhlten, brauchen ihren Namen gar nicht mehr schreiben zu können. Keiner verlangt es öffentlich von ihnen.“

(Filmkritiker Friedrich Luft in „Die Welt“)

© Filmmuseum Berlin
Jean-Pierre Léaud mit dem Silbernen Bären für sein Schauspiel in Masculin, Féminin

Die Jungen geben den Ton an

Die „neue Generation“ ist auf der Berlinale präsent und zeigt ihr Profil: Es laufen Filme von Satyajit Ray, Jean-Luc Godard, Carlos Saura und Roman Polanski und im Publikum wird eine neue Lust auf Diskussion spürbar. Die Themen die bewegen, haben die Leinwände der Berlinale erreicht und die Zeitgenossen stellen eine deutliche Veränderung des Festivals fest: Das Publikum wird jünger, die Haare länger, der Starrummel flaut ab, das Klima wird ernsthafter. Das Medium hat sich emanzipiert vom Zwang zur Unterhaltung und ist zu einem Mittel der Debatte geworden.

Es beginnt die Zeit der Podiumsdiskussionen. Eine fragt: „Welche Zukunft hat der Film?“ und versammelt Peter Schamoni, Roman Polanski, Pier-Paolo Pasolini, Satyajit Ray, Jean-Paul Rappeneau und Volker Schlöndorff auf der Bühne, um sie gemeinsam nach einer Antwort suchen zu lassen. Aber die Zukunft hatte gerade erst begonnen und noch fühlte sich keiner zu verbindlichen Prognosen bereit. Stattdessen beruft man sich auf die Gegenwart, an der es zu arbeiten gelte. Es ging um die konkreten Produktionsbedingungen, unter denen Filme entstehen, und um die ästhetische und gesellschaftliche Herausforderung durch das Fernsehen. Das „Konkurrenzmedium“ hatte sich etabliert, die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin und die Hochschule für Fernsehen und Film in München hatten kurz zuvor den Lehrbetrieb aufgenommen. Filme machen konnte man jetzt studieren.

Argumentationslinien, Frontverläufe

Bereits im Vorfeld war heftig und öffentlich debattiert worden. Ulrich Gregor hatte vom Auswahlausschuss in den Beirat der Berlinale gewechselt und über seine Nachfolge gab es Streit. Das Bundesinnenministerium berief den Kritiker Dieter Strunz von der „Berliner Morgenpost“. Aber auch unter den Kritikern gab es Lager - man sprach von „Schulen“ - und Enno Patalas, Mitstreiter Gregors, protestierte gegen die Berufung Strunz’. In mehreren Beiträgen in der Filmkritik polemisierte er in ungewohnter Schärfe gegen den Kollegen, schnitt dabei aber auch grundsätzliche Fragen über Identität und Struktur der Berlinale an, die auch in den Folgejahren immer wieder diskutiert werden sollten. Er forderte die Emanzipierung von den „Vorbildern“ Cannes und Venedig. Die Berlinale solle sich auf ihre Stärken besinnen und ein Festival „anderen Stils“ werden.

© Filmmuseum Berlin
Schonzeit für Füchse von Peter Schamoni

Kämpferisch vorgetragen traf Patalas' Kritik auf Gegenwind. Rückblickend jedoch waren seine Vorschläge hellsichtig. Hier sprach tatsächlich einer von der Zukunft: „Als Publikumsfestival statt als Konsumentenspeisung“ sollte sich die Berlinale definieren, „als Festival der Autoren, nicht der Stars. Als Diskussions- mehr denn als Repräsentationsfestival. Als Ort der Auseinandersetzung, nicht der gegenseitigen Komplimente. Als Ausstellung des neuen Films, statt als Parade des Bewährten.“ Die Fronten waren abgesteckt.