Berlinale: Chronik


15. Internationale Filmfestspiele Berlin
25. Juni - 06. Juli 1965

„Ekel wird auch Sie ergreifen.“

(Der Werbeslogan für Roman Polanskis Ekel, während der Berlinale auf die Trottoirs geschrieben.)

© Filmmuseum Berlin
Agnès Varda erhielt den Großen Preis der Jury für Le Bonheur

Neue Wege, neue Strukturen

Nach den Enttäuschungen der Vorjahre war die Berlinale 1965 filmisch ein voller Erfolg. Zuvor hatte es grundlegende Veränderungen in der Festivalorganisation gegeben. In seinem Vorwort zum offiziellen „Festspiel-Almanach“ sprach Alfred Bauer von einer „Berliner Reform“, die er mit der Einsicht begründete, Filmfestspiele könnten nicht „ein Jahrzehnt und länger unter dem Gesetz eines starren Status stehen, wenn sich für den Film und seine Welt im Laufe der Zeit ganz allgemein eine neue Grundsituation ergeben hat.“

Neuerungen gab es vor allem bei den Auswahlkriterien für die Filme des Wettbewerbs und bei der Besetzung der Jury. Erstmals wählte das Festival die Juroren selber aus, anstatt wie bislang die Länder ihre Vertreter bestimmen zu lassen. Eine Gruppe von Filmkritikern – darunter Ulrich Gregor, Enno Patalas und Karena Niehoff - wurde an der Filmauswahl beteiligt und auch in der Jury sollte die Kritikerzunft personell stärker vertreten sein.

Die Geburt der „Sektionen“

Die Zahl der Wettbewerbsfilme wurde reduziert und das Programm sollte fortan ergänzt werden durch eine „Informationsschau“ und eine der Filmmesse angegliederte „Repräsentationsschau“. In der Informationsschau wurden Filme gezeigt, die dem Auswahlgremium für den Wettbewerb zu heikel erschienen, oder die aus formalen Gründen nicht am Wettbewerb teilnehmen durften. Die Repräsentationsschau diente dagegen als Plattform für die Delegierten und Produzenten der teilnehmenden Länder, Filme in eigener Verantwortung auszuwählen und zu zeigen. Diese Maßnahmen gingen auf Anregungen des Journalisten Ron Holloway zurück und zielten darauf ab, in der Programmarbeit flexibler zu werden.

© Filmmuseum Berlin
Lee Marvin während der traditionellen Bootstour, zu der die Berlinale ihre Gäste einlud.

Wiederholt hatte die Bundesregierung politische Kompromisse gefordert, wo man von Seiten des Festivals gerne ausschließlich nach „künstlerischen Kriterien“ entschieden hätte. Diplomatische Befindlichkeiten würden bei der Filmauswahl noch auf absehbare Zeit eine Rolle spielen. Solange aber bei einzelnen Entscheidungen Drahtseilakte verlangt wurden, wollte man sich wenigstens nach verschiedenen Seiten Auffangnetze bereithalten. Fürchtete man um einen Film einen Eklat, konnte man ihn aus der Schusslinie nehmen und in der Informationsschau zeigen. Und anstatt einen Film, den man nicht haben wollte, ablehnen zu müssen (und nicht zu können), konnte man dem Produzenten anbieten, ihn in der „Repräsentationsschau“ zu zeigen. Diese taktischen Überlegungen führten zu einer Differenzierung des Programms und bereiteten damit die spätere inhaltliche Programmstruktur nach Sektionen vor.

Lust auf Filme und Debatten

Mit Filmen von Jean-Luc Godard, Satyajit Ray, Agnès Varda, Roman Polanski und Jean-Marie Straub/Danièle Huillet weckte das Programm endlich wieder Lust auf Filme und Debatten. Der meist diskutierte Film war Roman Polanskis Ekel, der vom Verleih mit einer reißerischen Werbekampagne flankiert wurde und so unweigerlich in aller Munde war. Ekel polarisierte: Die einen waren tief beeindruckt, die anderen entsetzt und abgestoßen. Selten war ein Film so kontrovers aufgenommen worden. Wer von Polanskis Film abgestoßen wurde, ließ sich womöglich von Agnès Vardas Le Bonheur einnehmen. Aber auch dieser auf den ersten Blick sanfte und zugängliche Film bot keine einfache Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Glücks.

Überhaupt war es kein Festival der leichten Filme. Straub/Huillets Nicht versöhnt oder es hilft nur Gewalt wo Gewalt herrscht war auf seine Art nicht weniger radikal als Ekel und sorgte für ähnlich kontroverse Debatten. Zur Premiere des Films gab es eine Diskussionsveranstaltung unter dem Titel „Neue Erzählstrukturen im Film“, auf dem Podium saßen Michel Delahaye, Alexander Kluge, Enno Patalas und Jean-Marie Straub und es wurde lebhaft gestritten und Position bezogen.

1965 war ein gutes Jahr für die Berlinale, auch wenn die Filme – nicht zuletzt Godards Alphaville, der den Goldenen Bären bekam – von Angst, Unbehagen und Ungewissheit erzählten. Aber gerade darin lagen die ersten Anzeichen der Reife: die Konfrontation nicht zu scheuen, den kritischen Film zuzulassen und zu erkennen, dass das Festival Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung war. Die Berlinale 1965 war seit Jahren wieder die erste auf der Höhe ihrer Zeit.