Berlinale: Chronik


12. Internationale Filmfestspiele Berlin
22. Juni - 03. Juli 1962

„Sagt man mir doch nach, ich würde die Filmfestspiele unterwandern. Na, ich bitte Sie, das Niveau ist doch so niedrig, da kommt man doch gar nicht drunter durch.“

(Der Kabarettist Wolfgang Neuss leitet das Wasser der Berlinale-Kritik auf seine satirische Mühle.)

© Filmmuseum Berlin
Jean-Paul Belmondo und Jean-Pierre Léaud

Enttäuschung

Selten waren sich die Kommentatoren so einig: Die Berlinale 1962 machte niemanden glücklich. Das Programm war schwach und die Zuschauerzahlen - nicht zuletzt wegen des Fernbleibens der Ost-Besucher nach dem Bau der Mauer - stark rückläufig.

Die interne Diskussion konzentrierte sich weiterhin auf das Auswahlverfahren. Alfred Bauer wünschte sich die Möglichkeit, Filme frühzeitig zu sichten, um auf die Filmauswahl der Länder Einfluss nehmen zu können. Eine Erhöhung des Reiseetats war unter den gegeben Budgetbedingungen jedoch nicht in Sicht. Die Qualität der gezeigten Filme wurde allerdings von den meisten Kritikern als so desaströs empfunden, dass man sie sich mit Etatproblemen alleine nicht erklären wollte. Allein John Schlesingers A Kind of Loving, Francesco Rosis Salvatore Giuliano und Ingmar Bergman Samson i en Spegel gaben den Kommentatoren das Gefühl, etwas von bleibendem Wert gesehen zu haben.

Zwar spiegelte die dürftige Qualität des Programms wohl weitgehend die Krisensituation des internationalen Filmschaffens wider, von den Zeitgenossen wurde jedoch auch die Kompetenz des Auswahlgremiums in Frage gestellt. „Entscheidend ist nicht nur, dass die Mitarbeiter reisen können, sondern vor allem, wer reist“, schrieb Manfred Delling in einem Artikel in der Welt und der Kritiker Friedrich Luft forderte sogar den Verzicht auf den A-Status, in dem er eher eine Last als einen Vorteil sah. Dass Argument, der A-Status stelle die Filmauswahl unter ungebührliche Zwänge, wurde in den Folgejahren immer wieder in die Debatte geworfen. Weder der Senat und schon gar nicht Alfred Bauer waren jedoch dazu bereit, auf das mühsam erkämpfte „Gütesiegel“ zu verzichten.

Die Krise hat erst begonnen

So blieben nach dem Festival 1962 vor allem Ernüchterung und eine Ahnung davon, dass die Krise, die sich bereits zwei Jahre zuvor abgezeichnet hatte, noch lange nicht überwunden war. Tatsächlich nahm in diesen Jahren ja auch etwas erst seinen Anfang. Am 3. März 1962 wurde auf den Kurzfilmtagen in Oberhausen das „Oberhausener Manifest“ verlesen, ein neuer deutscher Film gefordert - und dabei gleich schon ins Leben gerufen. Die radikale Abkehr von den herrschenden Produktionsmethoden, die Forderung nach einer neuen Rolle für den Film und den Filmemacher benannten eine Krise, die tatsächlich weit über die Budgetdebatte des Festivals hinausging. Hier waren grundsätzliche politische Konflikte im Spiel. Das Selbstverständnis der Berlinale war jedoch noch so stark dem Kino und Zeitgeist der 50er Jahre verhaftet, dass es noch einige Jahre dauern sollte, bis das Festival zu einem konstruktiven Forum gesellschaftlicher Debatten wurde.