Berlinale: Chronik


11. Internationale Filmfestspiele Berlin
23 . Juni - 04. Juli 1961

„Die zwei einander fremden Eheleute gehen in die Nacht hinaus, er noch schwankender als vorher, sie noch gelangweilter über sein leichtes Nachgeben. Die Umarmung, in die er sich in dieser Situation rettet, kann abstoßender und fataler nicht gedacht werden. Mit solcher Trostlosigkeit, mit der Reduzierung aller Beziehungen auf das Äußerliche entlässt uns der Film.“

(Heinz Ungureit in der „Frankfurter Rundschau“ über Michelangelo Antonionis La Notte.)

Das Brandenburger Tor während der Berlinale, nur Wochen vor dem Mauerbau.

Festival im Übergang

Die Berlinale 1961 verschärfte die grundlegenden inhaltlichen Konflikte, die sich im Vorjahr angebahnt hatten und wurde damit erneut zu einem Spiegel der Zeit. Das Programm war mit Filmen von Jean-Luc Godard, Michelangelo Antonioni, Peter Finch, Bernhard Wicki, Fons Rademakers und Chris.Marker so gut besetzt wie schon lange nicht mehr. Dennoch wurde in der breiten Wahrnehmung - und vor allem in der Boulevard-Presse - erneut moniert, dass die großen Namen fehlten und der Glanz früherer Tage verloren gegangen sei. Nicht nur in Berlin, auch auf den anderen großen Festivals erwies sich der Übergang vom Starkino zum gesellschaftskritischen Autorenkino als Nagelprobe für das Selbstverständnis einer ganzen Generation von Kritikern und Kulturschaffenden.

"Starlett" Jayne Mansfield auf der "Busen-Berlinale".

Die mit Nicholas Ray, Satijat Ray und anderen Filmemachern prominent besetzte Jury bewies ein gutes Auge mit der Entscheidung, Antonionis La Notte den Goldenen Bären und Godards Une femme est une femme gleich zwei Silberne Bären zu verleihen: einen als Spezialpreis an den Regisseur und einen an Anna Karina für ihre Darstellung der Angéla.

Hätten alle so genau hingesehen, hätten sie das gesellschaftskritische Medium Film sozusagen in flagranti bei der Arbeit beobachten können. Denn die gleichen Publikationen, die gegen Godards Gesellschaftskritik aus vordergründigen Motiven moralisierten, starrten dem Starlett Jayne Mansfield unverwandt aufs wohlfeile Dekolleté – und bewiesen damit gerade die Richtigkeit von Godards illusionslosem Blick. Als die „Busen-Berlinale“ wurde der 1961er Jahrgang bei großen Teilen der Presse verbucht, dabei war er rückblickend einer der bislang interessantesten.

Kalte Kriege

Auch seriöse Kommentatoren taten sich schwer mit der Kühle und dem Thema der Entfremdung von La Notte und mit der kompromisslosen und solidarischen Darstellung einer Frau in Une Femme est une Femme. Man warf den Filmen Kälte und Nihilismus vor, ahnend vielleicht, dass noch kältere Zeiten anbrechen würden - nicht nur in Berlin, wo wenige Wochen nach dem Ende der Berlinale der kalte Krieg brutale Fakten schuf: ab dem 13. August 1961 betonierte eine Mauer die Teilung der Stadt.

Anna Karina und Jean-Luc Godard bei der Ankunft in Tempelhof.

Alfred Bauer war verärgert über das falsche und unvorteilhafte Bild, das die deutsche Presse vom Festival vermittelt hatte. In einem Schreiben an den CDU-Politiker und Herausgeber des „Stern“, Dr. Gerd Bucerius, monierte er, dass „dem wehrlosen Leser“ die filmische Qualität des Festivals zugunsten des sensationslüsternen „Herausstellens der körperlichen Reize“ der weiblichen Gäste des Festivals vorenthalten worden sei.

Intern arbeiteten Bauer und seine Mitstreiter weiter an einer Verbesserung des Auswahlverfahrens. Die FIAPF hatte den großen Festivals die Auflage gemacht, dass kein Land mit mehr als zwei Filmen im Wettbewerb vertreten sein sollte. Jeweils einen Film durften die jeweiligen Länder selbst anmelden, daneben blieb den Festivals die Möglichkeit, selbständig Filme zu sichten und einzuladen. Da die Gesamtzahl der Wettbewerbsfilme auf Wunsch der FIAPF reduziert werden sollte, war die Marge jedoch nicht groß. Die Gewinner des Festivals hatte Bauer selbst eingeladen, und mehr und mehr wurde klar, dass sich die Programmgestaltung von den allzu oft taktischen Überlegungen der nationalen Filmverbände emanzipieren musste.