Berlinale: Chronik


10. Internationale Filmfestspiele Berlin
24. Juni - 05. Juli 1960

„Liebe, Diebe, Mensch und Masse… [Eine] kriminelle Welle, Marke ‘Klau, wenn du kannst’.“

(Heinz Mudrich echauffiert sich in der „Stuttgarter Zeitung“ (?) über die kriminelle Energie der Nouvelle-Vague-Helden, Bressons Taschendieb und den „morbiden Michel“ in Außer Atem.)

© Filmmuseum Berlin
Jean Paul Belmondo und Jean Seberg in Godards A bout de souffle.

Vorboten des Kommenden

Für die Zeitgenossen war die Berlinale 1960 ein schwaches Festival, ein „Arbeitstreffen“ mit wenig Glanz, ausgerechnet im Jubiläumsjahr. Rückblickend jedoch gab es 1960 die ersten deutlichen Anzeichen für einen inhaltlichen Umbruch, der jedoch nur zum Teil bewusst initiiert war. Vor allem spiegelten die Inkonsistenzen des Programms und die Uneinigkeit der Kommentatoren eine inhaltliche Kluft wider, die sich im internationalen Filmschaffen abzeichnete: zwischen dem traditionellen Studiokino, von dem die großen Festivals bislang gelebt hatten, und den unabhängigen und irritierenden Filmen der jungen Generation. Die Krise war sowohl eine ästhetische, als auch ein ökonomische und politische. Es ging nicht nur um die Frage, welche Filme man machen wollte, sondern auch darum, unter welchen Bedingungen man Filme machen wollte und dass das eine vom anderen nicht zu trennen sei.

Die Zukunft oder das Ende?

Aus dieser Krise heraus entwickelte sich während der sechziger Jahre allerorten ein neues, unabhängiges Kino: die Nouvelle Vague, das Free Cinema, das Cinema Nuovo und spätestens seit dem „Oberhausener Manifest“ auch der Neue Deutsche Film. „Papas Kino ist tot“ hieß es ein paar Jahre später. Dann hätte 1960 also gerade das „Sterben“ eingesetzt und tatsächlich fürchteten einige Kommentatoren das Ende der Berlinale, manche sogar Schlimmeres. Denn „Papas Kino“ war ja das Kino der großen Studios, Filme mit großen Stars für ein großes Publikum, mit denen auch die großen Festivals ihre goldenen Jahre erlebt hatten. Selbst die scharfsinnige Berlinale-Beobachterin Karena Niehoff wusste 1960 nicht, wie sie dran war: Wurde es nun endlich ernst oder war das der Anfang vom Ende?

Vittorio Gassman (1960)
Vittorio Gassmann wird für ein Radio-Interview zurecht gemacht.

Die Boulevard-Presse schmollte, weil ihr unter den vielen Mannsbildern auf der Gästeliste – Richard Widmark, Gene Kelly, Richard Attenborough, Jean Gabin und Jean-Paul Belmondo – der Sex-Appeal abhanden ging, den – so glaubte man – erst die weiblichen Stars garantieren. Aber auch seriösere Beobachter fühlten sich über- (oder unter-)fordert und suchten nach Schuldigen. Die deutliche Zunahme an Filmen aus „exotischen“ Ländern wie Pakistan, Korea, Thailand, Ägypten und Indien wurde als fehlgeleitete Humanitärmaßnahme bemitleidet und als „Angriff auf das Sitzfleisch“ abgekanzelt, man sah die „Filmkunst im Eimer“ und war schließlich vollends verärgert durch die Entscheidungen der Jury.

So mancher verschluckt sich an der „Neuen Welle“

Und die Nouvelle Vague, mit deren kompromisslosen Blick man sich gerade erst angefreundet hatte, glaubte man moralisch bereits auf Abwegen. In Jean Luc-Godards A bout de souffle | Außer Atem und Robert Bressons Pickpocket sah die Mehrheit der Rezensenten lediglich Aufforderungen zu Straftaten, die durch originelle Schnittdramaturgien und das betörend schöne Spiel von Jean Seberg und Jean Paul Belmondo nur umso skandalöser wurden. Nur wenige lobten den Mut der Jury, Godard den Silbernen Bären für die beste Regie zu geben. Tatsächlich aber hatte das Festival mit A bout de souffle, mit Pickpocket und mit Guy Greens The Angry Silence aus heutiger Sicht drei Filme im Programm, die zu Meilensteinen werden sollten. Meilensteinen auf einem Weg, der aber gerade erst begonnen hatte und von vielen Zeitgenossen noch für einen Irrweg gehalten wurde.