Berlinale: Chronik


8. Internationale Filmfestspiele Berlin
27. Juni - 08. Juli 1958

„Man erwartet mittlerweile mehr als Trotz und Trutz Vitalität und Biegsamkeit, Weltoffenheit von Berlin… - was 1951 seine Richtigkeit hatte, würde sich allmählich als anachronistische Rechthaberei ausnehmen.“

(Karena Niehoff im „Tagesspiegel“)

Der Filmball 1958 im Funkturm.

Die Berlinale 1958 war gekennzeichnet von dem Versuch, sich politisch reifer und inhaltlich offener darzustellen. Schon bei der Eröffnungsfeier in der neuen Kongresshalle im Tiergarten zeigte sich das Festival souveräner und selbstbewusster in seiner Rolle als repräsentatives Ereignis. Die Gästeliste war so international wie nie zuvor. Das Publikum zeigte ungebrochenes Wohlwollen.

Die Verantwortung Berlins und der Berlinale

Berlins neuer regierender Bürgermeister Willy Brandt sprach in seiner Eröffnungsrede von der politischen und moralischen Verantwortung Berlins und bezog die Berlinale in diesen Auftrag mit ein: „Die Maßstäbe der verschiedenen Nationen an die Qualität eines Films sind kaum weniger verschieden als die Sprache und Sitten der Völker. Das darf uns jedoch nicht dazu verleiten, engherzig zu sein. Ich vertraue auf die Weltoffenheit dieser Stadt.“ Auch die Kommentatoren forderten von Berlin und der Berlinale einen Wandel: weg vom Trotz der Frontstadt, hin zu mehr Weltoffenheit – sonst werde aus der vermeintlichen Prinzipienfestigkeit bald eine „anachronistische Rechthaberei“, wie die Journalistin Karena Niehoff in einem Artikel für den "Tagesspiegel" mahnte.

Als Reaktion auf die heftige Kritik an der Einladungspolitik des Festivals ergeht 1958 erstmals eine Einladung an die Sowjetunion, das Festival mit Filmen zu beschicken. Die Einladung wird jedoch überraschend abgelehnt – mit dem Hinweis auf einen Formfehler. Obwohl es in den Folgejahren immer wieder danach aussieht, als stünde einer Beteiligung von Filmen aus den sozialistischen Staaten nichts mehr im Wege, wird es noch bis 1974 dauern, bevor der erste russische Film auf der Berlinale läuft.

Gina Lollobrigida war der Star des Festivals.

Die Filme überzeugen

Filmisch ist die achte Berlinale ein voller Erfolg. Die Kritiker loben die Vielfalt im Programm, die sich auch bei den Preisverleihungen niederschlägt. Die Jury unter dem Vorsitz von Frank Capra zeichnet Smulltronstället | Wilde Erdbeeren von Ingmar Bergmann als besten Film aus. Ein Silberner Bär für die beste Regie geht an Tadashi Imai für seinen Film Jun-ai Monogatari | Geschichte einer wahren Liebe, der die Gefahren des Atomzeitalters thematisierte und bei vielen Kommentatoren den nachhaltigsten Eindruck hinterließ. Sidney Poitier erhält für seine Rolle in The Defiant Ones | Flucht in Ketten den Silbernen Bären als bester Darsteller. Für Poitier ist es der Beginn einer großen Karriere und er wird ein regelmäßiger Gast der Berlinale werden.

Aber auch für Rührung war wieder einmal gesorgt. Walt Disney, dessen Filme in den Vorjahren regelmäßig zu den (Publikums-)Preisträgern zählten, besuchte die Berlinale und war der Liebling der Berliner: „Unsere Kinder erinnern uns täglich an Ihre Figuren“, versichert Bürgermeister Willy Brandt dem Ehrengast bei dessen Besuch im Berliner Rathaus. Ein denkwürdiges Kompliment.