Berlinale: Chronik


6. Internationale Filmfestspiele Berlin
22. Juni - 03. Juli 1956

„Lieschen Müller, diese Erfindung, dieser Sündenbock der Filmindustrie, hatte ihre große Stunde und sah sich - wahrscheinlich zur eigenen großen Überraschung - in einer wenn auch nicht ganz geraden Front mit der zünftigen Kritik.“

(Wilhelm Mogge, Redakteur der „Kölnischen Rundschau“ und Mitglied der Jury des katholischen Filmbüros, bricht eine Lanze für das Publikum, dem in diesem Jahr die Preisvergabe endgültig von einer Internationalen Jury abgenommen wurde.)

© Filmmuseum Berlin
Das Gloria am Kurfürstendamm

Die Berlinale wird „A-Festival“

Das Publikum zeigte ungebrochene Begeisterung. Der hemdsärmelige Umgang mit den Stars brachte der Berlinale das Image eines „Festivals des kleinen Mannes“ ein. Tatsächlich schien die Berlinale bemüht, durch Herzlichkeit wett zu machen, was an Glanz gegenüber den Konkurrenz-Festivals in Cannes und Venedig noch fehlte. Im Jahr 1956 machte das Festival jedoch einen Image-Sprung, denn die FIAPF hatte der Berlinale den begehrten A-Status zu erkannt. Das bedeutete eine deutliche Aufwertung des Wettbewerbs und damit auch eine gesteigerte internationale Attraktivität. Die Zahl der Fachbesucher (1100) und Journalisten (500) verdoppelte sich gegenüber dem Vorjahr. Der A-Status bedeutet aber auch, dass das Protokoll wichtiger wurde. Die Berlinale war früh erwachsen geworden und das Publikum wurde dezent in die Schranken gewiesen: Vor den Festspielorten waren jetzt Absperrungen angebracht und den Stars winkte man nun aus der Distanz, Schulterklopfen war nicht mehr drin.

Gene Kelly (1956)
Gene Kelly mit dem Goldenen Bär für Invitation to the Dance.

Vor allem aber bedeutete der A-Status, dass das Publikum bei der Bärenvergabe von einer internationalen Fachjury abgelöst wurde. Die Entscheidungen der ersten internationalen Jury unter dem Vorsitz von Marcel Carné werden von vielen Kommentatoren dann jedoch kritisiert. Invitation to the Dance von Gene Kelly war vielen zu seicht für einen Goldenen Bären. Liebling vieler Kritiker war dagegen der finnische Beitrag Tuntematon Sotilas von Edin Laine, ein illusionsloser Anti-Kriegsfilm nach einem Roman von Väinö Linna, der auch das Publikum beeindruckte.

Bauer zwischen allen Stühlen

Wie sehr politische Akzente gerade in Berlin mit einer gesteigerten Empfindsamkeit wahrgenommen wurden, zeigen zwei Beispiele aus demselben Jahr 1956. Alfred Bauer hatte die unabhängige Aufführung von DEFA-Filmen in der Filmbühne am Steinplatz durch seinen Protest beim Berliner Senat verhindert. Die Veranstaltung war von der Berliner Zille-Gesellschaft geplant worden und stand unter dem Motto der „Völkerverständigung“, dem sich ja auch die Berlinale offiziell verpflichtet fühlte. Wurde Bauers Handeln hier von vielen als unglücklich empfunden, so verhinderte er grundlegende Kritik an seiner Person mit der Entscheidung, Alain Resnais Film Nuit et Brouillard (Nacht und Nebel) am Rande des Festivals in einer Sondervorführung zu zeigen. Der Film dokumentiert die Verbrechen der Deutschen im Konzentrationslager Auschwitz und war zuvor auf Einspruch der Bundesregierung in Cannes aus dem Festival-Programm genommen worden - mit dem beschämenden Argument, dass der Film der „Völkerverständigung“ nicht dienlich sei.