Generation 2022: Let's Dance!

Die letzte Auswahl unter der Sektionsleitung von Maryanne Redpath ist geprägt von Körperlichkeit, Bewegung und Musik. Im Interview erzählt sie von der besonderen Wahrnehmung junger Zuschauer*innen, worauf sie beim Sichten achtet und von der fulminanten Rückkehr der Kurzfilme ins Generation-Programm.

Bubble von Tetsurō Araki

"Zu den wichtigsten Lektionen aus Berlinale Generation gehört: Unterschätze niemals das junge Publikum!“ – ein schönes Statement!

Und ein wahres! Junge Menschen haben die Power, Berge zu versetzen. Und gutes Kino, wie sie es bei Generation geboten bekommen, kann diese Kräfte beflügeln. Wenn junge Menschen mit Widrigkeiten konfrontiert werden, zeigen sie sich meist viel widerstandsfähiger, als man vielleicht denkt – im Film wie in der Realität. Junge Zuschauer*innen sind offen und überaus klug in ihren Reaktionen auf Filme, wie wir sie in Generation zeigen. Klar, auch sie bringen ihre eigenen Erfahrungen und Sehgewohnheiten mit ins Kino, aber die sind dabei nicht so festgefahren oder vorurteilsbeladen die ein erwachsenes Publikum. Sie identifizieren sich mit den Gleichaltrigen auf der Leinwand, sie haben aber auch die Fähigkeit, sie kritisch und mit viel Empathie zu betrachten. Das gilt auch für Filme, in denen Kinder aus diversen Gründen nicht mehr Kind sein dürfen oder in denen sie früh Verantwortung tragen müssen und den ‚normalen‘ Prozess des Erwachsenwerdens überspringen. Auch mit eher offenen Enden können junge Zuschauer*innen sehr viel anfangen - sie sind bereit, einen Film weiter zu denken und zu diskutieren. Ihre eigenwillige Art der Wahrnehmung und ihre Äußerungen zu den Filmen sind meistens sehr erleuchtend für die Filmmacher*innen von Generation, die oft ihre Filme nicht gezielt für ein junges Publikum gemacht haben. Als Verantwortliche und Entscheidungsträger sollten wir Erwachsene mehr auf Kinder hören - und sie eben niemals unterschätzen!

Worauf achtest Du bei der Filmauswahl?

Bei fiktiven als auch bei nicht-fiktiven Arbeiten achte ich sehr darauf, welcher Respekt den jungen Protagonist*innen in den Filmen entgegengebracht wird. Welchen Einblick bekommt man in ihre jungen Seelen? Wie nah, mit welchen Mitteln kommen die Filmemacher*innen an ihre Wahrheiten? Bekennen sie sich ausreichend dazu, dass die jungen Menschen die eigentlichen Ressourcen sind, die ihre Filme ausmachen? Dass die Kinder die Subjekte sind und nicht Objekt der Betrachtung? Hat man das Gefühl, dass die junge Protagonist*innen bloßgestellt werden?

Alis von Clare Weiskopf, Nicolás van Hemelryck

Bei Alis, einem Dokumentarfilm aus Kolumbien, wurde eine besondere Form gefunden, um für traumatisierte junge Frauen einen Raum zu schaffen, in dem sie sich sicher genug fühlen, um über sich selbst und ihr Erlebtes zu reden. Sie alle kommen von der Straße und haben Gewalt erlebt – psychisch und physisch. Um ihre Erfahrungen in Worte fassen zu können, erfinden sie gemeinsam mit den Filmemacher*innen eine fiktive Mitbewohnerin namens Alis. Ein anderer beeindruckender Film ist Skhema (Scheme) aus Kasachstan. Ein tiefgehender Film - es um ein Schulmädchen, das im neureichen Setting des post-sowjetischen Almaty in die Prostitution und ins Drogenmilieu rutscht. Der Film stellt sich auf die Seite des Mädchens, zeigt oft nur Ausschnitte von Details und ruckelt in seinem Schnitt und Tempo. In seiner Form ist er ein bisschen wie die Unberechenbarkeit des Teenager-Seins. So kommen Form und Inhalt wunderbar zusammen, worauf ich auch achte bei der Auswahl.

In der dokumentarischen Langzeitbeobachtung aus Deutschland Kalle Kosmonaut erhält der charismatische junge Protagonist die Chance, sich selbst zu präsentieren. Zehn Jahre lang begleiteten das Regie-Duo Kalle auf seinen Wegen durch sein Viertel, eine Plattensiedlung am Rande Berlins. Trotz aller Teufelskreise und Chancenlosigkeiten glaubt man als Zuschauer*in fest daran, dass Kalle, der rappt und Sehnsucht nach Stabilität und der Gründung seiner eigenen Familie hat, irgendwann die Kurve kriegt.

Allons enfants (Rookies) von Thierry Demaizière, Alban Teurlai

Viele Filme von Generation zeichnen sich durch eine starke Körperlichkeit aus. Eine Deiner Überschriften für Dein Programm ist „Let’s Dance“.

Wenn Gefühle in Wallung sind und Worte fehlen, ist Bewegung vielleicht die beste bessere Form des Ausdrucks. Zum Bespiel in Allons enfants (Rookies), dem Eröffnungsfilm von 14 plus. Dort wird fast nur getanzt - zu verschiedenen Beats und Rhythmen. Die junge Protagonist*innen gehen über ihre Grenzen hinaus, arbeiten an ihren Bewegungen bis zur Erschöpfung. Durch ihre Tanzausbildung am Pariser Gymnasium bekommen sie Zugang zu ihren eigenen inneren Welten und persönlichen Geschichten, die sie durch ihre einzigartigen Styles der Bewegung ausdrücken.

So sind Bewegung, Tanz und Musik auch das Herzstück in den Kurz- und Langfilmen der Auswahl dieses Jahres: Bewegung in Kompositionen und Improvisationen, in choreographierten Stücken, teilhabend, immersiv und meditativ. Geplant oder ungeplant, professionell oder amateurhaft – es ist egal, der Geist zählt. Ob man sich den Blues vom Leib tanzt oder sich eine Identität errappt, singend, musizierend, alleine oder mit anderen, sich selbst ausdrücken durch Gedichte, Parkoure, Eislauf, Roller-Skating, Skateboarding – alles ist erlaubt und im Fluss, alle dürfen die Bühne entern: in Allons Enfants, Beba, Kind Hearts, Sublime, Tytöt Tytöt Tytöt (Girl Picture), Kalle Kosmonaut, Comedy Queen, Shabu, Una aprendiz invisible (An Invisible Apprentice), Čuči čuči (Hush, Hush Little Bear), Nada para ver aqui (Nothing to See Here), Funkele, Lay Me by the Shore, La fièvre, Aos dezasseis (At Sixteen), West by God oder in dem dynamischnen japanischen Anime Bubbles. In der Zeit der Pandemie bauen Musik und Bewegung Brücken - nicht nur für die Protagonist*innen, sondern auch für Zuschauer*innen jeden Alters, um aus der Social-Distancing-Schockstarre zu kommen. Let’s Dance!

Shabu von Shamira Raphaëla

Es gibt in dem Programm eine Lebensenergie, aber auch eine Ernsthaftigkeit und große Diversität in den Inhalten und den Stimmen, die zu Wort kommen. Das scheint mir bezeichnend für deine Filmauswahl. Legst Du da ein spezielles Augenmerk drauf beim Sichten?

Während des komplexes Sichtungsprozess lasse ich mich von zwei sehr divers aufgestellten Auswahlgremien beraten. Die Zusammenarbeit ist eng, nimmt viel Zeit in Anspruch, wir ziehen alles in Betracht und lassen uns nichts entgehen. Wir sehen die Filme aus verschiedenen Perspektiven, wir tauschen unsere Meinungen aus, wir hören aufeinander und wir lernen kontinuierlich. Am Ende treffe ich die finalen Entscheidungen für das gesamte Generation Programm, aber eben nur nach sehr vielen Gesprächen und Überlegungen. Natürlich ist Carlo Chatrian mit an Bord, um über die letzten Entscheidungen zu beraten und damit eine große Bereicherung. Wir suchen bei der Auswahl nicht per se nach Diversitäten in den Filmen - sie ergeben sich ganz natürlich! Für mich ist das ein gesundes Zeichen, dass der Auswahlprozess funktioniert. In dieser Edition zeigen wir Filme von BIPOC Filmemacher*innen, die #blacklivesmatter thematisieren, wie zum Beispiel die Dokumentarfilme Beba oder Shabu. Und es sind wieder fast 60 Prozent Regisseurinnen dabei. Darüber hinaus sind intersektionale Perspektiven sehr gut vertreten.

Eleonoora Kauhane und Aamu Milonoff in Tytöt tytöt tytöt (Girl Picture) von Alli Haapasalo

Verschiedenheit und Eigenwilligkeit der jungen Protagonist*innen ist zentrales Element aller Filme: Es sind letztendlich ihre Geschichten, die für die Leinwand erzählt werden. Wenn man erwachsen wird, ist man mit der Frage konfrontiert: Bin ich gleich oder bin ich anders? Und dabei entstehen sehr dramatische Geschichten. Und wenn es diese junge authentische Perspektive ist, über die die Geschichten erzählt werden, dann ergeben sich automatisch viele Fragestellungen über Identifikation: Wer bin ich? Wo komme ich her? Was ist meine Herkunft, meine Zukunft? Es gehört zum Erwachsenwerden: das Zurechtzukommen mit den Regeln, unter denen man aufwächst. Und die Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Regeln ist sehr wichtig für viele junge Menschen, egal wo man in der Welt hinschaut. Entweder, man assimiliert sich in das System, das Setting, in dem man aufwächst - es kann Familie, Politik, Kultur, Umgebung, eine Stadt oder die Landschaft sein - oder es wird dagegengehalten. Das sind unerschöpfliche Quellen für Geschichten und für ein spannendes Kino - voller Lebensenergie und Ernsthaftigkeit, aber auch mit Sinn für Humor für das, was schön ist - also genau das, nach dem wir bei Generation suchen.

In der Auswahl gibt es eine Reihe Filme, in denen LGBTQI+ Charaktere eine Rolle spielen, aber das Queer-Sein wird weder problematisiert noch explizit thematisiert. Spiegelt das eher eine ‚Normalität‘, die sich in den Geschichten abbildete?

Wenn es um Genderorientierung geht, ist eine Geschichte, die LGTBQI+ Identitäten thematisiert, aber nicht im Mittelpunkt stellt, für Generation viel interessanter. Zum Beispiel in dem kanadischen Kurzfilm Lay Me by the Shore: der Protagonist ist ein Trans-Junge, aber seine Geschlechtsidentität spielt keine Rolle für die Geschichte, er ist einfach er. Oder in West by God, in dem eine der Protagonist*innen eine junge Trans-Frau ist, aber das muss nirgends thematisiert werden, weil die Story eben nicht davon handelt, sondern einfach davon, dass zwei Menschen ein Date haben. Und in Sublime verliebt sich ein Teenager in seinen besten Freund und weiß nicht, wie er es ihm sagen soll - eine schöne Geschichte voller Sehnsucht und Verwirrung, über die Schmerzen und Freuden des Erwachsenwerdens. Auch wenn es solche Geschichten häufiger bei Generation gibt, würde ich nicht so weit gehen zu sagen, dass sie eine ‚Normalität‘ abbilden. Es gibt viele verschiedene Ebenen, auf denen Gender-Diversität in all ihren Farben gezeigt wird und es ist wichtig, immer wieder zu hinterfragen, was und wie abgebildet wird. Außerdem ist es eine Entscheidung der Filmemacher*innen, ihre gender-diversen Geschichten als eine Selbstverständlichkeit zu erzählen oder nicht. Auch in dem Wissen, dass dies in der Realität mancher Länder der Welt eben gar nicht selbstverständlich ist.

Moon Seung-a in Bimileui eondeok (Hügel der Geheimnisse) von Lee Ji-eun

Du hast dieses Jahr wieder viel Kurzfilme im Programm, nachdem letztes Jahr pandemiebedingt auf sie verzichtet werden musste. Was reizt Dich am Kurzfilm?

Ich bin sehr froh, dass die Kurzfilme wieder im Programm sind. Die endlosen Möglichkeiten, eine Geschichte in kurzer Form für die Leinwand zu erzählen, hat mich immer begeistert und die Spannbreite, die wir in der Auswahl zu sehen bekamen, hat mich überwältigt! Jeder der insgesamt 28 ausgewählten Kurzfilmen ist ein Juwel. Jeder Film ist auf eine andere Art und Weise explosiv, ist ein Festmahl für die Sinne, eine Achterbahnfahrt, Zeugnis für die Unendlichkeit der Imagination! Stilvoll beeindruckend ist z.B. Gavazn (Hirsch), ein iranischer Kurzfilm, der auf einer wahren Geschichte des Regisseurs basiert. Ein Junge träumt vom Engel des Todes in Gestalte eines Hirsches und zieht aus, den Todesengel daran zu hindern, sich seinem kranken Bruder zu nähern. In Nada para ver aqui (Nothing to See Here), einem Kurzfilm aus Portugal, gibt es keine Menschen zu sehen, sondern nur Hochhäuser und Himmel. Ein sehr graphisch-erzählter, ziemlich abstrakter Film mit tollem Soundtrack, der die Seh-Gewohnheiten herausfordert. Wie gucke ich, wohin schaue ich? Nothing to see here - gibt es hier wirklich nichts zu sehen?

Arian Rastkar in Rooz-e sib (A wie Apfel) von Mahmoud Ghaffari

Familiäre Beziehungen spielen in vielen Filmen eine wichtige Rolle. Sind sie in den letzten zwei Jahren vielleicht wichtiger geworden - als Ankerpunkt in einer eher unsicheren Zeit?

Familie und Beziehung als zentrales Thema zieht sich quer durch die Auswahl. In Comedy Queen geht es um eine Tochter, die sich entscheidet, alles zu tun, damit der Vater wieder lächelt. Deshalb möchtet sie Stand-Up-Comedian werden. Ein herzzerreißender, sehr schwedischer Film. In südkoreanischer Film Bimileui eondeok (Hügel der Geheimnisse) schämt sich die Protagonistin für ihre Familie und schreibt alles auf, was ihr an dieser peinlich ist, um damit an einem Wettbewerb teilzunehmen. Sie gewinnt den Wettbewerb – müsste aber in Zuge dessen ihren Text veröffentlichen. In My Small Land geht es um die komplizierte Situation einer kurdisch-türkischen Familie, die vor fünf Jahren nach Japan geflohen ist und nun abgeschoben werden soll. Um Zusammenhalt und Liebe geht es auch in dem iranischen Film Rooz-e sib (A wie Apfel). Eine Familie vom Land muss in die Stadt ziehen und sehen, wie sie dort zurechtkommt. Es gibt viele Widrigkeiten, aber die Familie hält zusammen und gibt die Hoffnung nie auf, dass alles besser wird. Stay Awake behandelt eine auf der Oberfläche eher dysfunktionale Familienkonstellation. Es geht um zwei Brüder, deren Mutter von Opioiden abhängig ist. Der Regisseur hat die Mechanismen der Co-Abhängigkeit einer Sucht und was sie Familienangehörigen antut, sehr gut verstanden. Der Dokumentarfilm Teryikony (Boney Piles) zeigt Kinder, die in der Ostukraine aufwachsen, zwischen den Trümmern zerstörter Häuser und verwundeter Landschaften. Die Kinder sind nicht verantwortlich für den Krieg, sie kennen kein anderes Leben. Durch den feinfühlig erzählten Film bekommt man Einblick in ihre Seelen, ihr Trauma – man erkennt ihre tiefen Narben. Ohne ihre Situation zu verharmlosen, werden alle, die den Film sehen, hoffen dürfen, dass die Kinder ihre Rest-Resilienz, ihre Lust aufs Leben auch noch lange bewahren können – auch über das Ende des Filmes hinaus.