Berlinale Talents 2021:
Reality Check

Das Kino steht vor großen Herausforderungen. Berlinale Talents hat sich ihnen auch in diesem Jahr wieder unerschrocken gestellt: mit Teilnehmer*innen aus 65 Ländern und reichlich Energie für leere Enthusiasmusspeicher. Ein Rückblick mit Projektleiterin Christine Tröstrum und Programmleiter Florian Weghorn.

Florian Weghorn und Christine Tröstrum im HAU Hebbel am Ufer

2021 sieht eine Berlinale, wie es sie noch nie gegeben hat. Berlinale Talents hat zum Industry Event mit einer weitestgehend digitalen Ausgabe neue Wege beschritten. Wie haben die Vorbereitungen dazu ausgesehen?

Christine Tröstrum: Seit Sommer 2020 war uns bewusst, dass wir den Kurs immer wieder neu anpassen und uns auf unterschiedliche Szenarien einstimmen müssen. Unser Leitgedanke war, den Talenten aus am Ende 65 Ländern unbedingt einen gleichberechtigten, kollaborativen Zugang zu bieten. Pandemiebedingt hätten wir das ab Herbst nur noch den europäischen Teilnehmer*innen ermöglichen können, wenig später nicht einmal mehr den Berliner*innen. Allein aus diesem Grund war für uns klar, dass der Weg ins Digitale führen würde.

Man hätte ja auch sagen können: Die Herausforderung ist zu groß und wir sagen ab. Anderen Festivals und Kultureinrichtungen ist es so ergangen. Warum stand das nie zur Debatte für euch?

Florian Weghorn: Die Pandemie einfach abzuwarten, war keine Option. Das Berlinale-Team ist überzeugt, dass Berlinale Talents eine stärkende Wirkung hat, indem es viele Menschen zusammenbringt und inspiriert. Was wäre wichtiger in dieser Zeit?

CT: Wir fühlen uns als Begleiter*innen von den Talenten und gehen auch jetzt diesen Weg weiter gemeinsam. Gleichzeitig muss unbedingt erwähnt werden, wie groß die Unterstützung der Hauptförderer und Co-Partner zu jedem Zeitpunkt war, ganz besonders bei der Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters. Wenn man so ein großes Entgegenkommen und Vertrauen in die eigene Arbeit spürt, ist das eine enorme Ermutigung.

Im HAU3

Wie haben die eingeladenen Talents darauf reagiert, als ihr ihnen euer Konzept präsentiert habt?

CT: Am Anfang haben wir uns durchaus gefragt, ob die Talente die Einladung annehmen würden. Wir haben am Ende aber lediglich von sechs Eingeladenen eine Absage bekommen – und das auch nur, weil sie andere Jobs zu der Zeit hatten.

FW: Man merkt, dass es im und nach dem Stillstand einen großen Wunsch gibt, endlich wieder kreativ zu arbeiten. Die Welt dreht sich eigentlich ja nicht nur um die Pandemie. Es gibt andere Themen, die an die Oberfläche wollen und müssen. Wir haben zum Beispiel noch nie einen Jahrgang gehabt, in dem Talente so explizit Zensur und Selbstzensur angeklagt haben. Und zwar über Ländergrenzen hinweg, von Brasilien über Ungarn bis in den südostasiatischen Raum. Dass wir darauf reagieren müssen, war klar: Im Programm hat es Platz gegeben, von den eigenen Erfahrungen zu erzählen und an Lösungen zu arbeiten.

Ihr habt in diesem Jahr „Dreams“ als Thema auserkoren. Wie seid ihr darauf gekommen?

FW: Jede*r sollte thematisch bei dem ansetzen können, was ihn oder sie gerade bewegt, was in dir steckt und was es noch an Unbewusstem zu entdecken gilt. Du kannst nur träumen, was du in dir trägst. Was daraus aber entsteht und wohin es dich räumlich wie zeitlich führt, ist offen. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Das hat uns als Fundament für ein Visionslabor in Zeiten der Pandemie sehr überzeugt.

CT: Auch die Frage, welchen Traum wir mit dem Kino verbinden, war ein wichtiger Ausgangspunkt. Der Vorstellung vom Kino als Ort der Begegnung steckt tief in den Genen unserer ganzen Film-Community, und wir wollten ihn gerade in einer „virtuellen Edition“ ganz entschlossen weiterträumen.

Im Gespräch mit den Talenten: „Dreaming of Nothing: Apichatpong Weerasethakul“

Das Wort von der „Traumfabrik Kino“ verweist auf die alte Rolle des Kinos. Was aber lässt sich von den Bewerbungen der diesjährigen Teilnehmer*innen darüber ablesen, worin sie die Aufgabe des Kinos, jetzt und in Zukunft, sehen?

FW: Das Bild vom Kino als Raum mit hundert roten Sesseln hat ein paar mehr Risse bekommen, nicht nur, aber natürlich auch nochmal in Folge der Pandemie. Aber das, was wir im Kontext der Berlinale als Kinokultur verstehen – ein magisches Zusammenspiel von Gemeinschaft, Ereignis und Diskurs – hat weiterhin eine große Strahlkraft. Wir haben in diesem Jahr erstmals eine Gruppe von aufstrebenden Kurator*innen als Talente eingeladen. Und komischer- oder erfreulicherweise gründen sie immer wieder Kinoformate – in Mexiko genauso wie in Indonesien oder Spanien: ein Wanderkino hier, eine Kinemathek da, eine queere Kinogruppe dort. Da ist Kinokultur hochlebendig. Und daraus schöpfen Christine und ich auch die Überzeugung, dass „Kino“ eine Idee bleibt, die an immer neuen Orten erfunden – oder wenn du willst: erträumt – werden darf.

Trotzdem steht das Kino vor haushohen Herausforderungen. Wo verortet ihr die Berlinale Talents, bei den Optimisten oder Pessimisten?

CT: Wir sind aus unserer Mittlerposition heraus vor allem die Systemiker*innen, die sich Veränderungen erst einmal anschauen, Tendenzen erspüren, und dann Menschen ermutigen, ihre Stimme zu erheben oder kreativ zur Tat zu schreiten. Aus den Bewerbungen springen uns sowohl unbändiger Enthusiasmus als auch ehrliche Zweifel entgegen, wie es mit der Filmbranche weitergehen soll.

FW: Die Talente kommen an einem hochinteressanten Punkt ihrer Karriere zu uns: Sie merken nach den ersten fünf bis zehn Jahren, dass ihr Enthusiasmusvorrat etwas aufgebraucht ist und ein Realitätscheck ansteht. Da geht es oft um ganz praktische ökonomische Fragen, aber auch darum, wie und mit wem man künstlerisch in eine nächste Phase kommen kann. Und genau in diesem Moment setzen wir an: Gerne mit einem extra Schuss Mutmacher, aber ohne das Blaue vom Himmel zu versprechen. Alltagsoptimismus könnte man vielleicht sagen. Oder Infragestellen, aber nur, um dann weiterzugehen.

Uli Hanisch bei „Dream On“

Schauen wir doch nochmal kurz auf die zurückliegenden Tage. Ihr konntet in diesem Jahr den Szenenbildner Uli Hanisch dafür gewinnen, die Ausstattung eures Events zu entwerfen. Wie ist es dazu gekommen?

FW: Wir pflegen ein enges Netzwerk an Expertinnen und Experten, die uns mit viel Engagement und Freude über die Jahre begleiten. Und Uli Hanisch gehört dazu. Für unsere Festivalheimat, das HAU Hebbel am Ufer, wollten wir kein glattes digitales Studio. Die Idee eines Theaterstücks über ein Filmset hat sich bei Uli sofort verhakt. Und was uns an seiner Arbeit zum Beispiel für Babylon Berlin oder The Queen's Gambit fasziniert: Uli schafft die perfekte Illusion, aber er feiert auch immer den echten Ort. No fake, it's Berlin. Wir wollten nicht vergessen machen, dass wir 2021 ein virtuelles Format organisieren, ein Studio bauen, Kabel verlegen und eine Heerschaar von Menschen dafür in Bewegung setzen. Ulis Entwurf zeigt immer mehr von dieser Realität, als dass er sie versteckt. Budgetär und vom Umfang her natürlich nicht vergleichbar, aber es war ein bisschen wie bei The Queen's Gambit: Jetzt machen wir mal Mexiko im Friedrichstadtpalast.

CT: Im Zentrum der Bühne stand der Eingang des HAU2, an dem auch in echt der Leuchtschriftzug „There is no time for this“ von Tim Etchells und der Theaterkompanie Forced Entertainment prangt. Berliner*innen wissen das vom Vorbeifahren: Das „no“ geht immer wieder an und aus. Und dieses einerseits wankelmütige, andererseits fordernde „There is (no) time for this“ steht doch symbolisch für unsere Zeit! Daher haben wir es im Miniaturformat auf die Bühne des HAU3 geholt – und auf die Bildschirme des Publikums und der Talente.

Es gab auch in diesem Jahr wieder ein hochkarätiges Programm, dass auch für das Publikum zugänglich war. Auf wen habt ihr euch besonders gefreut?

CT: Die Woche war durch eine Serie von Talkformaten unter dem Titel „Dream On“ geprägt, zu denen wir unterschiedlichste Visionär*innen der Filmbranche zum Weiterträumen eingeladen haben: Das waren zum Beispiel die Regisseurin Ava DuVernay, der iranische Filmemacher Mohammad Rasoulof, die Kamerafrau Kirsten Johnson oder auch Céline Sciamma, die ja ihren neuen Film Petite Maman im Wettbewerb vorgestellt hat. Die Talente und das Publikum konnten mit den Gästen direkt in den Austausch treten – das hat auch digital geklappt. Und es ist ein Traum in Erfüllung gegangen, an dem wir lange gearbeitet haben: Nachdem wir bereits in der Vergangenheit eine Woche „Talents Tokio“ mit ihm gestaltet haben, war Apichatpong Weerasethakul in diesem Jahr nun endlich als Gast bei uns. Perfekt!

FW: Wenn man dann noch die eigens für uns komponierte öffentliche Sound Journey oder den lautstark vorgetragenen Appell der Talente gegen Zensur hinzunimmt, hat sich unser Ziel fürs Programm eingelöst: den Talenten aus allen Gewerken Anerkennung geben, Filmschaffende aus dem Festivalprogramm feiern und vor allem auch ein Geschenk an das Publikum machen, für die die Berlinale ja ein wichtiger Ort der Begegnung mit der Filmwelt ist. In diesem Sinne können wir nun den zweiten Teil des Festivals, endlich mit Filmen, kaum erwarten.

„What a Small World: Animation in Miniature“

Es gibt in diesem Jahr noch eine schöne Neuerung: den Berlinale Talents-Podcast.

CT: Ja, wir freuen uns, dass wir in Kooperation mit dem Goethe-Institut sogar zwei Podcasts ins Leben rufen können, der eine für den European Film Market mit Fokus auf Trends in der Industrie und unser eigener mit einem gesellschaftlichen Blick aufs Filmische: „Berlinale's House of Talents“. Es gibt zunächst jeden Monat eine Folge bis in den Herbst hinein und danach geht es hoffentlich weiter. Mit dem Titel wollen wir auf die große Community verweisen, unsere fast 9.000 Alumni, die mittlerweile fest zur Festivalfamilie gehören.

Nach dem Festival ist vor dem Festival. Welche Erkenntnisse zieht ihr aus dieser besonderen Edition für die Zukunft?

CT: Schon seit einigen Jahren wenden wir uns verstärkt an die Talente und Alumni, um von und mit ihnen zu lernen – über gesellschaftliche Veränderungen und neue Trends, aber auch ganz konkret über ein gerechteres Rollenverständnis, kollaborative Arbeitsweisen und faire Bezahlung. Dieses Schwarmwissen wurde im Festival in mehreren Workshops zusammengetragen und wird bald in Form von „Dream Reports“ öffentlich weiter diskutiert.

FW: Diese Edition hat uns also gelehrt, dass auf unsere Crowd Verlass ist und ihr kollektives Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist. Das ist ein Ansporn, Berlinale Talents zusammen mit den Festivalkolleg*innen weiter zu entwickeln und mit Partner*innen auf ein solides Fundament zu setzen. Wir hätten da noch ein paar Träume!

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