Der Fall Alfred Bauer

Nahezu 70 Jahre nach der Gründung der Internationalen Filmfestspiele Berlin wurde im Januar 2020 einer breiten Öffentlichkeit bekannt, dass die Rolle des ersten Direktors der Berlinale, Alfred Bauer, in der Reichsfilmintendanz, der zentralen Institution zur Steuerung der Filmproduktion im NS-Regime, wo er als Filmreferent arbeitete, bedeutender war als bekannt und Alfred Bauer seine Aktivitäten nach 1945 systematisch verschleiert hatte. Die Quellen sprechen in Bezug auf Bauer von einem „eifrigen SA-Mann“ (S. 6).

Das Festival beauftragte daraufhin das unabhängige Institut für Zeitgeschichte (IfZ), Bauers Position in der NS-Filmbürokratie näher zu untersuchen. Und tatsächlich kam der Autor der Studie (Zusammenfassung (514 KB)), PD Dr. Tobias Hof, zu dem Schluss, dass Bauer nicht, wie nach dem Zweiten Weltkrieg von ihm behauptet, ein Gegner des NS-Regimes gewesen war, sondern „dass [er] einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Funktionieren des deutschen Filmwesens innerhalb der NS-Diktatur und damit zur Stabilisierung und Legitimierung der NS-Herrschaft leistete“ (S. 43).

Während seines Entnazifizierungsverfahrens von 1945–47 verschleierte Bauer dann durch bewusste Falschaussagen, Halbwahrheiten und Behauptungen die Bedeutsamkeit seiner Rolle während der Nazizeit.

Alfred Bauer war von 1951 bis 1976 Direktor der Berlinale und damit einer der wesentlichen Akteure beim Aufbau des Festivals. Bis 2019 wurde ein nach ihm benannter Preis vergeben, seit 1987 zunächst unregelmäßig, ab 1996 jährlich und ab 2013 als Silberner Bär Alfred-Bauer-Preis, der aufgrund der neuen Erkenntnisse über seine Biografie aber ab 2020 ausgesetzt wurde. Stattdessen wurde 2020 zunächst ein Silberner Bär – 70. Berlinale vergeben und 2021 der neue Silberne Bär – Preis der Jury eingeführt.

Wenn auch von Beginn an international ausgerichtet, so ist die Berlinale ein deutsches Festival, begründet in einem Land, das sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch tief in die Schuld und die Gräueltaten des „Dritten Reiches“ verstrickt war. Bauers Fall betrifft nicht nur die Berlinale, sondern den Umgang Deutschlands mit der eigenen Geschichte – und der eigenen Filmgeschichte im Besonderen. Der Übergang vom NS-Regime zur neugegründeten Bundesrepublik war bei weitem kein Neustart, die Zöpfe ins „Dritte Reich“ wurden nicht klar abgeschnitten. Vor allem im Hinblick auf das Personalinventar einer „neuen“ Filmindustrie waren die Übergänge oft fließend. Alfred Bauer ist Teil dieses Übergangs. So schreibt Tobias Hof: „Um Bauers Rolle während der NS-Zeit und seine Verschleierungsversuche in der Nachkriegszeit einordnen und bewerten zu können, reicht es jedoch nicht aus, seine biographischen Daten und seine berufliche Karriere isoliert zu betrachten. Stattdessen muss seine Laufbahn während und nach dem Krieg in einen breiteren soziokulturellen und politischen Kontext gestellt werden. Dabei sind insbesondere die Rolle des NS-Films und der deutschen Filmproduktion im ‚Dritten Reich‘, sowie die Tätigkeit und die personelle Kontinuität der NS-Filmfunktionäre zu berücksichtigen“ (S. 3f).

Die Historie des Festivals war und ist immer verknüpft mit der Geschichte. Als „Schaufenster der freien Welt“ in einer geteilten Stadt flossen die ideologischen Grabenkämpfe einer entstehenden neuen Weltordnung – derjenigen des Kalten Krieges – unmittelbar in den Gründungsakt des Festivals mit ein. Der Fall Bauer liegt nun wie ein Schatten über den ersten Jahrzehnten der Berlinale. Er ist Teil der Evolution des Festivals und steht stellvertretend für die gesellschaftlichen Kämpfe, deren Spiegel und Protagonistin die Berlinale in ihrer Vergangenheit war. Von der langen Loslösung aus den Ruinen des „Dritten Reiches“ über die harten ideologischen Auseinandersetzungen der 1960er und 70er Jahre, das vermeintliche Ende des Ost-West-Konflikts bis in die heutige Zeit. In dieser Rückschau erscheint die Geschichte der Berlinale wie ein Lehrstück hin zu einer offeneren, politisch bewussten Gesellschaft. Die persönliche Biografie Bauers ist Teil der DNA des Festivals ebenso wie etwa der Status als eines der global wichtigsten Publikumsfestivals, die politische Ausrichtung des Programms oder der TEDDY AWARD, der bedeutendste queere Filmpreis der Welt. Ein verantwortungsvoller wie transparenter Umgang mit allen Seiten und Kapiteln der bewegten Festivalhistorie ist ein wichtiger Bestandteil des notwendigen Aufarbeitungsprozesses. Die Berlinale lebte niemals in einem Zustand der Reinheit, in dem sich Politik und Gesellschaft auf der einen und die Kunst auf der anderen Seite hätten trennen lassen, wie Bauer in seinen Versuchen, sich rein zu waschen, behauptete: „Letztlich basierte Bauers Verteidigungsstrategie auf einem einfachen und ebenso wirksamen Kernargument, das sich wie ein roter Faden durch die Verhandlungen und Entlastungsdokumente zog: Seine Beschäftigung in der Filmbranche sei lediglich seiner uneingeschränkten Liebe zum Film entsprungen und deshalb auch stets unpolitisch gewesen“ (S. 40). Der Fall Bauer ist ein Mahnruf, sich immer wieder neu mit dem eigenen Erbe und den verheerenden, auch heute noch und brennend aktuellen Folgen auseinanderzusetzen und die eigene Geschichte neu zu entdecken und zu bewerten.

Alle Zitate aus: „Vorstudie über ein historisches Porträt von Dr. Alfred Bauer (1911-1986)“, verfasst von PD Dr. Tobias Hof im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München–Berlin


Berlinale, Sommer 2021