Rückblick auf 10 Jahre Talent Campus und Ratschläge für die Zukunft
Der Talent Campus feiert 2012 sein zehnjähriges Jubiläum. Welche Entwicklungslinien zeichnen sich ab, wenn ihr die letzten Jahre Revue passieren lasst?
CT: Unsere Arbeit ist konkreter geworden. Der Begriff des globalen Dorfes trifft auf den Campus im positiven Sinn zu. So haben wir zum Beispiel internationale Koproduktionen gefördert, sei es durch Förderpreise, die wir mit unseren Partnern initiiert haben, oder durch unseren Kurzfilmwettbewerb, den Berlin Today Award. Wir haben das Interesse der Industrie am internationalen Nachwuchs geweckt und die Zusammenarbeit zielgerichtet gefördert, natürlich auch unter den Nachwuchsfilmemachern. Wir laden die etablierten Filmemacher nicht nur zum Campus ein, damit die Teilnehmer von deren Erfahrungen profitieren können, sondern wollen umgekehrt aufzeigen, dass die junge Generation sehr viel zu sagen und zu geben hat. Ich kann mich noch gut erinnern, wie schwer es früher war, als Branchen-Newcomer Kontakte mit etablierten Filmschaffenden zu knüpfen. Da gab es schon eine gewisse Arroganz. Dem versuchen wir durch eine Art Demokratisierung entgegenzuwirken. Vor vier Jahren haben wir z. B. das Dine & Shine-Format entwickelt, ein Dinner für 430 Gäste, bei dem wir Gäste von der Berlinale mit den Talenten zusammenbringen. Mittlerweile erhalten wir schon im Sommer die ersten Anfragen für das Dine & Shine Event von etablierten Produzenten, Förderern und Verleihern.
Noch vor 10 Jahre hatte das Wort Networking eine ganz andere Bedeutung. Ähnlich der Entwicklungen in der virtuellen Welt, beeinflusst durch Web 2.0, online Business-Portale, und jüngst die sozialen Netzwerke, haben sich vergleichbare flache Hierarchien und Communitys auch in der realen Welt gebildet.
MWK: Darüber hinaus hat sich der Campus mittlerweile verstärkt als eine Plattform für Projektentwicklung profiliert. Natürlich ist ein Programm von sechs Tagen zu kurz um Filmprojekte ausreichend weiterzuentwickeln. Aber dadurch, dass der Campus am Anfang des Jahres eine sehr dichte Atmosphäre bietet, in der alle offen sind für neue Impulse und frische Ideen, verstehen viele Nachwuchsfilmemacher den Campus als einen Ort der Orientierung und Entscheidungsfindung. Diesen Anspruch hat der Campus auch für die Zukunft: wir möchten aufstrebende und etablierte Filmprofis nicht nur zusammenbringen, sondern dazu beizutragen, dass die Talente inhaltlich von dem Treffen profitieren und mit ihren Projekten einen entscheidenden Schritt vorankommen.
Die Eröffnungsveranstaltung greift das Thema des zehnten Campus auf: “Changing Perspectives“. In der heutigen Zeit verläuft kaum eine Erwerbsbiographie geradlinig. Welchen Ratschlag könnt Ihr den Talenten mit auf den Weg geben? Kommt es als junger Filmemacher darauf an, seine Ziele konzentriert zu verfolgen, oder vielmehr darauf, sich ergebende Gelegenheiten zu nutzen?
MWK: Ein Ratschlag wäre, stets offen zu sein für Neues, sich nicht zu sehr auf die eigene Sache zu fokussieren, sondern die Energie und Konzentration zu haben, die Anregungen und das Feedback, das man von anderen bekommt, anzuhören und ernst zu nehmen. Der Input von allen Seiten kann – gerade auf dem Campus – nicht nur überwältigend und manchmal sogar beängstigend sein, sondern sich als sehr fruchtbar erweisen, um neue Ideen zu bekommen und sein Projekt auf eine andere Art und Weise weiterzuentwickeln. Für die meisten unserer Nachwuchstalente eröffnet der Campus buchstäblich eine neue Perspektive. Viele kommen zum ersten Mal nach Berlin, treffen hier Leute aus den unterschiedlichsten Ländern und erfahren dabei, dass sie nicht die einzigen sind, die in ihrem Land Schwierigkeiten haben, Stoffe zu entwickeln oder Filme zu realisieren. Nach dem Campus haben sie dann häufig eine ganze andere Sicht darauf, wie und mit wem sie an ihren Filmen weiter arbeiten wollen.