Ein weiterer Film aus der Region, der aber wieder ein ganz anderes Bild zeichnet, ist
La Vierge, les Coptes et Moi von Namir Abdel Messeeh. Er erzählt von einer christlichen Koptenfamilie, die nach Frankreich immigriert ist. Die strenggläubige Mutter ist der festen Überzeugung, auf einer alten Videokassette aus ihrem ägyptischen Heimatdorf eine Erscheinung der Jungfrau Maria erkennen zu können. Der Sohn ist Filmemacher und vollkommen unreligiös. Er will der Sache auf den Grund gehen und fährt in das Heimatdorf seiner Mutter. Mit der laienhaften Unterstützung des ganzen Dorfes dreht er schließlich die Marienerscheinung nach. Mit Bluescreen und Allem, was dazu gehört. Ein wunderbarer und vor allem urkomischer Film im Film – und zwischen den anderen schweren Themen aus der Region ein absoluter Glücksfall.
Zwei weitere Filme aus unserem Programm stellen ganz andere Bewegungen in den Fokus: das Nomadentum. In
Sharqiya geht es um die israelischen Beduinen, die in eigens gebaute Neubaudörfer einziehen sollen, und
Wilaya erzählt vom Schicksal der Sahraui in der West-Sahara, ein Gebiet, das lange Kolonie von Spanien war und schließlich zwischen Algerien und Marokko aufgeteilt wurde. Dies hat dazu geführt, dass die Nomaden nicht mehr umherziehen können wie sie es Jahrhunderte gemacht haben. Die Scheußlichkeit, die dieses Festsetzen von Nomaden bedeutet, wie sich das entstandene Vakuum beginnt nach den kleinbürgerlichen Vorbildern des Westens zu füllen, davon erzählen beide Filme auf sehr beeindruckende Art und Weise. Es ist paradox: In einer Zeit der Urbanisten, die sich auf der ganzen Welt zuhause fühlen, dürfen sich die Nomaden nicht mehr von der Stelle bewegen.
Genrekino
Und wie sieht es bei den weiteren Spielfilmen aus? Rollt die „Welle innovativen Genrekinos“ weiter?
Durchaus! Zum Beispiel
Mai-wei aus Südkorea. Ein Kriegsfilm bei dem einem als Europäer Augen und Ohren wegfliegen. Ein völlig wahnsinniges Werk, dass aus koreanischer Perspektive vom Zweiten Weltkrieg erzählt: Im Mittelpunkt stehen zwei Jungs, einer aus einer koreanischen und einer aus einer japanischen Familie. Beide sind Schnellläufer, Konkurrenten und Freunde zugleich. Wie ich finde, ein eleganter Weg, die beiden selbstbewusst auf gleiche Augenhöhe zu stellen. Dann wird der ganz große Geschichtsvorhang aufgezogen: Beide werden Soldaten in der japanischen Armee und finden sich in deutschen Uniformen am Strand der Normandie während der Invasion wieder. In Kampfsequenzen hagelt es Bomben und das Blut spritzt. Wann gab es schon mal diese koreanische Perspektive auf die Ereignisse hier in Europa? Das darf auch wirklich anders aussehen. Der Film beruht auf dem Mythos oder historischen Fakt, dass während der Invasion ein Foto eines schmalen asiatischen Mannes in deutscher Uniform gefunden wurde.