Die Protagonisten gehen auf eine Reise?
FW: Ja, und das sowohl innerlich wie auch im wirklichen Leben. Kein Wunder also, dass das Road-Movie eine so häufig vertretene filmische Form in unserer Sektion ist. In
Un mundo secreto (A Secret World) von Gabriel Mariño bricht ein Mädchen zusammen mit dem Zuschauer zu einer Reise quer durch Mexiko auf. Sie flüchtet vor Dingen, die sie hinter sich lassen will, aber sie hat auch ein ganz klares und geheimes Ziel vor Augen. Zu Beginn ist sie komplett in sich gekehrt, ein verschwiegenes Mädchen, autoaggressiv bis an die Grenze zur Misshandlung, zarte Gefühle kann sie nur in ihrem Tagebuch ausdrücken. Erst im Verlauf ihrer Reise lernt sie ihrem inneren Ziel ein äußeres Bild zu geben und sich anderen Menschen gegenüber zu artikulieren. Coming-of-Age kann den Weg der Charaktere zu sich selbst beschreiben, aber auch den Prozess, den der Zuschauer gemeinsam mit der Figur durchläuft.
Neuanfänge zerstörter Kulturen
Viele Figuren in den Filmen wirken, als wären sie aus der Zeit gefallen oder würden sich zwischen verschiedenen Zeitaltern bewegen. Wie in Maori Boys Genius…
MR: Die Frage nach der Kultur der Maori ist sehr modern und aktuell, auch wenn die Kultur selbst uralt ist. Der Film zeigt einen jungen Mann, der die Kraft dieser Urkultur für sein Leben nutzt. Darin ähnelt er
Nosilatiaj. La Belleza (Beauty) von Daniela Seggiaro in 14plus. In beiden Filmen erleben wir Protagonisten, die in indigenen Kulturen leben, die durch den Kolonialismus fast ausgelöscht wurden. Heute gibt es wieder junge Leute, die sich um diese alten Kulturen kümmern, die nach ihren Wurzeln suchen, um ihre Identität zu stärken und das Erbe zu tradieren.
Im Fall von
Maori Boy Genius (14plus) ist der heute 17-jährige Junge schon als Baby von den Stammesältesten als Auserwählter berufen worden, als zukünftiger Anführer des Kampfes um ihre Rechte. Pietra Brettkellys Dokumentarfilm zeigt uns seine Kindheit - seine erste Sprache ist Maori, erst mit vier Jahren beginnt er Englisch zu lernen – und seinen Weg nach Yale, wo er Jura, Ethik und Politik studieren möchte. Er bringt damit zwei unterschiedliche Welten zusammen, seine Urkultur und die westliche Welt. Er ist überzeugt, dass aus dieser Begegnung Veränderung entsteht. Damit ist er ein großes Vorbild, und es wird für unsere Berliner Zuschauer interessant sein, zu sehen, wie ein hochbegabter 17-jähriger als der nächste Premierminister Neuseelands gehandelt wird.