Berlinale: Retrospektive


Retrospektive 2013:
„The Weimar Touch"

Die Retrospektive „The Weimar Touch. The International Influence of Weimar Cinema after 1933“ widmet sich den Einflüssen des Weimarer Kinos auf das internationale Filmschaffen nach 1933. Im Fokus stehen Kontinuitäten, Wechselwirkungen und Wandlungen in den Filmen deutschsprachiger Emigranten bis in die 1950er Jahre.

Die Blütezeit des Weimarer Kinos ist nicht zuletzt der Demokratisierung von Gesellschaft und Kunst zwischen 1918 und 1933 zu verdanken. Das Weimarer Kino ist eines der Vielfalt – erprobte Erzählformen und stilistische Experimentierlust kennzeichnen es gleichermaßen. Es behandelt die soziale Not in den Städten und den subversiven Rollentausch der Geschlechter, kennt Slapstick und Wortwitz, Lachen und Schaudern. Aus der Spannung zwischen Gegensätzen bezog es seine schöpferische Dynamik. Zugleich profitierte das Weimarer Kino schon früh vom internationalen Austausch und den Aktivitäten deutscher Filmschaffender im Ausland.
Doch mit der Machtübernahme des NS-Regimes 1933 begann die Gleichschaltung der deutschen Filmindustrie. Nur anfangs entstanden noch Filme, die von der Weimarer Tradition zehrten. Mehr als 2000 Filmschaffende vor allem jüdischer Herkunft mussten in den kommenden Jahren emigrieren. Die meisten Emigranten suchten in Europa und in den USA einen Neuanfang oder knüpften dort an bestehende Beziehungen an.

Gezeigt werden 31 Filme in den fünf Kapiteln „Rhythm and Laughter“, „‚Unheimlich‘ – The Dark Side“, „Light and Shadow“, „Variations“ und „Know Your Enemy“. Unter der Überschrift „Rhythm and Laughter“ sind Filme versammelt, die an Tonfilmoperette, Musikfilm und Filmkomödie anknüpfen – Genres des Weimarer Kinos, die maßgeblich von jüdischen Filmschaffenden geprägt wurden. Zu entdecken ist hier (Österreich/Ungarn 1934) von Hermann Kosterlitz. In der ausgeprägt sozialkritischen Filmkomödie mit Anklängen an die Tonfilmoperette spielt Francisca Gaál eigenwillig und berührend zugleich die Titelrolle, eine „Hosenrolle“. Eine Wiederentdeckung ist der erst jüngst restaurierte niederländische Film Komedie om Geld (Komödie um Geld, 1936) von Max Ophüls. Kameramann war der spätere Oscar-Preisträger Eugen Schüfftan. In der Retrospektive darf Billy Wilder nicht fehlen, dessen Film Some Like It Hot (Manche mögen’s heiß, USA 1959) im amerikanischen Kontext den subversiven Humor und die frivole Travestie des Weimarer Kinos aufgreift.

„‚Unheimlich‘ – The Dark Side“: Die dunkle Seite von Psyche und Gesellschaft war das Thema von beängstigend dichten Kriminalfilmen der dreißiger Jahre. Ihre Einflüsse prägten im Amerika der Nachkriegszeit das Genre des Film noir aus, die Regisseure waren zumeist deutsche Filmemigranten. So drehte Robert Siodmak noch im Pariser Exil den Film Pièges (Der Fallensteller, Frankreich 1939).

Unter dem Titel „Variations“ sind Remakes des Weimarer Kinos zu sehen sowie Filme, die ihre Vorbilder variieren. Hierzu zählt beispielsweise Joseph Loseys 1951 uraufgeführte Neuverfilmung von Fritz Langs gleichnamigem Klassiker M (1931). Und First a Girl (GB 1935) von Victor Saville basiert auf Reinhold Schünzels Viktor und Viktoria (Deutschland 1933).

„Know Your Enemy“ stellt Filme vor, die gegen das NS-Regime Position bezogen. Ernst Lubitschs Klassiker To Be or Not to Be (Sein oder Nichtsein, USA 1942) steht dabei neben Ludwig Bergers fast unbekanntem Ergens in Nederland(Niederlande 1940). Das Beziehungsmelodram thematisiert die drohende deutsche Invasion, die im Mai 1940 tatsächlich erfolgte. Casablanca (USA 1942) von Michael Curtiz, herausragend besetzt mit fast ausnahmslos europäischen Schauspielern, ist unbestritten der populärste aller Emigranten-Filme.

„The Weimar Touch“ ist die erste Retrospektive, die von der Deutschen Kinemathek gemeinsam mit dem Museum of Modern Art in New York kuratiert wird. Die Mitglieder der Auswahlkommission sind Rainer Rother (Leiter der Retrospektive und Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek), Rajendra Roy (Chief Curator of Film am MoMA), Laurence Kardish (ehemaliger Senior Curator of Film am MoMA), Connie Betz (Deutsche Kinemathek, Programmkoordinatorin Retrospektive), Hans-Michael Bock (CineGraph, Hamburg).
Die Filmvorführungen der Retrospektive finden im CinemaxX am Potsdamer Platz und im Zeughauskino statt. Das Programm wird ergänzt durch Veranstaltungen in der Deutschen Kinemathek. Zur Retrospektive erscheint eine Broschüre. Die Filmreihe der Retrospektive wird ab April 2013 auch im MoMA New York gezeigt werden.

Die Retrospektive ist einem bedeutenden Regisseur oder einem filmhistorischen Thema gewidmet. Die Retrospektive bringt Filme aus aller Welt zurück auf die große Leinwand – oft in restaurierter Fassung oder mit neuer Kopie. Das zeitgenössische Kino wird in einen historischen Zusammenhang gestellt. Mitwirkende und Kuratoren präsentieren die Filme im Kino und machen Filmgeschichte erfahrbar. Seit 1977 ist die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen der Partner der Internationalen Filmfestspiele Berlin für filmhistorische Programme.

Berlinale Classics

2013 beginnend wird die Retrospektive um die Präsentationen der Berlinale Classics erweitert. Sie zeigen aktuelle Restaurierungen von Filmklassikern sowie wiederentdeckte Filme, brillant in Bild und Ton. Damit wird für die wachsende Anzahl hochwertiger Restaurierungen und Rekonstruktionen, die die neuen Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung nutzen, ein Forum für Erstaufführungen geschaffen.

Die Filme der Berlinale Classics werden in der Regel von einem prominenten Gast des Festivals vorgestellt. Berlinale Classics setzt die Tradition der Retrospektive fort, neue Restaurierungen auch unabhängig vom jeweils aktuellen Retrospektive-Thema zu präsentieren, und ist gestützt auf die Kooperation mit internationalen Partnern.

In diesem Jahr werden die folgenden fünf Meisterwerke gezeigt:
Cabaret (Regie: Bob Fosse, USA 1972)
Dial M for Murder (Bei Anruf Mord, Regie: Alfred Hitchcock, USA 1954)
On the Waterfront (Die Faust im Nacken, Regie: Elia Kazan, USA 1954)
Der Student von Prag (Regie: Hanns Heinz Ewers, Deutschland 1913)
Tōkyō Monogatari (Reise nach Tokio, Regie: Yasujirō Ozu, Japan 1953)

Weitere Informationen in der Pressemitteilung vom 31. Januar 2013

Seit 1977 wird die Retrospektive von der Deutschen Kinemathek betreut, die seitdem folgende Retrospektiven veranstaltete:

  • The Weimar Touch. The International Influence of Weimar Cinema after 1933 (2013)
  • Die rote Traumfabrik. Meschrabpom-Film und Prometheus (1921–1936) (2012)
  • Ingmar Bergman. Filme als Leben und Leben als Film (2011)
  • PLAY IT AGAIN…! 60 Jahre Berlinale (2010)
  • 70 mm – Bigger than Life (2009)
  • Luis Buñuel (2008)
  • City Girls. Frauenbilder im Stummfilm (2007)
  • Traumfrauen. Stars im Film der fünfziger Jahre (2006)
  • Production Design + Film. Schauplätze, Drehorte, Spielräume (2005)
  • New Hollywood 1967-1976. Trouble in Wonderland (2004)
  • F. W. Murnau (2003)
  • European 60’s (2002)
  • Fritz Lang (2001)
  • Künstliche Menschen (2000)
  • Otto Preminger (1999)
  • Siodmak Bros. Berlin – London – Paris – Hollywood (1998)
  • G. W. Pabst (1997)
  • William Wyler (1996)
  • Happy Birthday, Cinema! (1995)
    • Buster Keaton 100
    • Slapstick & Co.
    • Projecto Lumiere – A Tribute to Pordenone
  • Erich von Stroheim (1994)
  • CinemaScope (1993)
  • Babelsberg. Ein Filmstudio (1992)
  • Kalter Krieg (1991)
  • Das Jahr 1945 (1990)
    40 Jahre Berlinale (1990)
  • Europa 1939 (1989)
    Erich Pommer (1989)
  • Color. Die Geschichte des Farbfilms (1988)
  • Rouben Mamoulian (1987)
  • Henny Porten (1986)
  • Special Effects (1985)
  • Ernst Lubitsch 1914-1933 (1984)
  • Exil. Sechs Schauspieler aus Deutschland (1983)
  • Aufruhr der Gefühle: Curtis Bernhardt (1982)
    Kinderfilme aus der DDR (1982)
  • Der Produzent: Die Filme von Michael Balcon (1981)
  • Billy Wilder (1980)
  • 3-D-Filme (1980)
  • Rudolph Valentino (1979)
    Wir tanzen um die Welt. Revuefilme (1979)
  • Marlene Dietrich, 2. Teil (1978)
  • Zensur - Verbotene deutsche Filme 1933-1945 (1978)
  • Marlene Dietrich, 1. Teil (1977)
  • Liebe, Tod und Technik. Kino des Phantastischen 1933-1945 (1977)

1976

  • Eleanor Powell
  • Conrad Veidt, 2. Teil
  • Deutsche Spitzenfilme 1929-1932
  • Deutsche Kurzspielfilme der dreißiger Jahre, 2. Teil

1975

  • Greta Garbo
  • Conrad Veidt, 1. Teil
  • Deutsche Kurzspielfilme der dreißiger Jahre, 1. Teil

1974

  • Lilian Harvey
  • Jacques Feyder
  • Norman McLaren

1973

  • Wilhelm/William Dieterle
  • Amerikanische Musicals
  • Trickfilme von Dave Fleischer

1972

  • Douglas Fairbanks
  • Ludwig Berger
  • Amerikanische Zeichentrickfilme 1940-1955

1971

  • Busby Berkeley
  • Eddie Cantor

1970

  • Gewinner des „Goldenen Bären“ und andere Berlinale-Filme
  • Ginger Rogers und Fred Astaire

1969

  • Abel Gance
  • Musicals 1929-1950
  • Oskar Fischinger

1968

  • Ernst Lubitsch, 2. Teil
  • W. C. Fields

1967

  • Ernst Lubitsch, 1. Teil
  • Harry Langdon

1966

  • Cinema Novo
  • Max Ophüls
  • Mack Sennett

1965

  • Meisterwerke deutscher Filmkunst 1895-1932

1964

  • Louis Lumière
  • Pola Negri
  • Paul Leni

1963

  • Elisabeth Bergner
  • E. A. Dupont
  • Karl Grune
  • Yasujiro Ozu

1962

  • Asta Nielsen
  • G. W. Pabst
  • Ingmar Bergman

1961

  • Richard Oswald
  • Billy Wilder
  • Akira Kurosawa

1960

  • 10 Jahre Goldener Berliner Bär
  • Musikfilme der Jahre 1930-1945
  • Musikfilme der Jahre 1930-1945 (Experimentalfilm-Sonderprogramme)

1959

  • Internationale Meisterwerke der ersten Tonfilmjahre

1958

  • Meisterwerke des internationalen Films von 1915 bis 1945

1957

  • Deutsche Künstler im ausländischen Film

1956

  • Humor der Nationen

1955

  • 60 Jahre Film

1954

  • Schau berühmter Filme

1951-1953

  • Stummfilme

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Retrospektive & Hommage
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