Zu den mit Spannung erwarteten Höhepunkten gehörte natürlich die Verkündung der Preisträger am letzten Festival-Samstag. Dass sich die Internationale Jury unter Vorsitz des Filmregisseurs Costa-Gavras kurz vor Berlinale-Beginn überraschend von acht auf sechs Mitglieder dezimiert hatte (Susanne Bier und Sandrine Bonnaire mussten kurzfristig absagen), tat der Diskussionsfreudigkeit der Gruppe zum Glück keinen Abbruch. Mit ihrer Entscheidung, dem brasilianischen Beitrag Tropa De Elite von José Padilha den Goldenen Bären zu verleihen, trafen die Juroren eine zugleich überraschende wie bestätigende Wahl. Überraschend, weil wenige den Film mit seiner realismusnahen, außergewöhnlichen Ästhetik auf ihrer Liste potentieller Gewinner hatten. Bestätigend, weil das behandelte Thema von Korruption und Machtmechanismen innerhalb einer brasilianischen Polizeieinheit dem (vor allem von Costa-Gavras) erwarteten gesellschaftskritischen Gehalt der Entscheidung entsprach. In diesem Sinne ging auch der Große Preis der Jury an einen dezidiert politischen Film, und zwar an den ersten Dokumentarfilm, der jemals im Wettbewerb der Berlinale um die Bären konkurrieren durfte: Errol Morris’ Standard Operating Procedure über die skandalösen Ereignisse und Foltermethoden US-amerikanischer Militärs im irakischen Gefangenenlager von Abu-Ghraib.
Die Mischung von glanzvollen Momenten auf der einen und politisch brisanten Themen auf der anderen Seite zog sich durch das gesamte Festival. Und selten präsentierten sich die einzelnen Sektionen dabei so aufeinander abgestimmt wie in diesem Jahr. So spiegelte sich das Thema der Elendsviertel aus dem Gewinnerfilm variationsreich in den Programmen der anderen Sektionen wieder, etwa in Los olvidados in der Retrospektive, Cidade dos Homens in Generation oder Sleep Dealer im Panorama.
Musik für Herz und Kopf
Noch verbindender und im wahrsten Sinne des Wortes durchdringender war allerdings in diesem Jahr die Musik. Nicht nur, dass der Brückenschlag zwischen dem künstlerisch unterhaltenden und dem politischen Anliegen der Musiker und Filmemacher oft genug gelang. Nachdem die Rolling Stones bereits mit Regisseur Martin Scorsese für eine furiose Eröffnung der Filmfestspiele gesorgt hatten, folgten in anderen Sektionen gleich mehrere hochkarätige Stars aus der Pop- und Rockwelt nach: Neben Madonna, die ihr Regiedebüt im Panorama vorstellte, waren auch Neil Young und Patti Smith mit Filmen vor Ort.
Mit den ebenfalls musikalischen Produktionen love, peace & beatbox (als Cross-Section-Beitrag mit der Perspektive Deutsches Kino) und War Child stellte die Sektion Generation erstmals zwei Dokumentarfilmbeiträge im neuen 14plus-Kino Babylon in Mitte vor und erweiterte damit ihren filmischen Programmradius. Die Gläsernen Bären wurden mit Black Baloon in 14plus und Buda Az Sharm Foru Rikht in Kplus jedoch traditionell an Spielfilme verliehen.
Wenngleich der deutsche Film nicht so stark und weitläufig wie in den letzten Jahren auf dem Festival vertreten war, konnte die Perspektive Deutsches Kino mit ihrem Programm durchaus überzeugen. Vor allem der Mut junger deutscher Filmemacher, sich über den eigenen Tellerrand hinauszuwagen, fiel dabei positiv ins Auge und wurde mit dem Teddy für den besten Dokumentarfilm für Football Under Cover und dem Preis Dialogue en perspective für Drifter honoriert. Ebenso erfreulich für den deutschen Film war die Aufnahme der Schauspielerin Hannah Herzsprung in den erlesenen Kreis der Shooting Stars 2008.
Starkes (südost-)asiatisches Kino in Forum und Panorama
Das Forum wurde seiner bewährten Funktion als Anlaufstelle für couragierte und unkonventionelle Filmemacher gerecht und erhielt durch das Forum expanded mit künstlerischen und installativen Arbeiten abermals eine optimale Ergänzung. Der japanische Forums-Beitrag Asyl - Park and Love Hotel wurde mit dem hochdotierten Preis für den Besten Erstlingsfilm ausgezeichnet. Und auch sonst fiel im breiten Spektrum internationaler Produktionen die Menge eindrücklicher Produktionen aus dem südostasiatischen Raum auf.