Nachwuchsarbeit im Rampenlicht
„Auch als Berlinalechef ist Dieter Kosslick geblieben, was er stets gewesen ist – ein Talentförderer“, schrieb die „Frankfurter Rundschau“ und traf damit den Tenor vieler Resümees, in denen Kosslick eine glückliche Hand attestiert wurde bei der diesjährigern Filmauswahl für den Wettbewerb. Es ist dem Festival gelungen, größtmögliche internationale Aufmerksamkeit zu generieren und dies zum Vorteil für den jungen und mutigen Film zu machen. Wie selten zuvor behaupteten sich gerade junge Talente im Wettbewerb: Pernille Fischer Christensen, Jasmila Zbanic und Rodrigo Moreno nahmen Preise mit nach Hause und damit die Chance, das erfolgreich Begonnene weiter zu führen.
Nicht unbemerkt blieb auch, wie sich in dieser „Nachwuchsarbeit im Rampenlicht“ die Berlinale als Netzwerk bewährt: Rodrigo Morenos El Custodio gehörte zu den ersten Förderprojekten des World Cinema Fund, in allen Sektionen liefen Filme ehemaliger Teilnehmer des Berlinale Talent Campus und Projekte, die auf dem Berlinale Co-Production Market ihre Finanzierung sichern konnten, und mit einem boomenden European Film Market verfügt die Berlinale über die bestmögliche Infrastruktur, um den Festivalerfolg eines Films auch in eine kommerzielle Auswertung umzumünzen.
Der EFM stand 2006 vor einer besonderen Herausforderung: Es galt nicht nur den Umzug in den Martin-Gropius-Bau zu meistern, sondern auch die damit verbundenen Erwartungen der Branche an den "neuen European Film Market" zu befriedigen. Beides gelang mit Bravour. 2006 wurde ein Rekordjahr und gleichzeitig war es ein EFM wie aus einem Guss. Mit ehrgeizigen Anbietern, gut aufgelegten Käufern, einer professionellen Infrastruktur und starken Kooperationspartnern. Mit dem Arts Alliance Media Network hat der EFM einen Partner an seiner Seite, der eine Vorreiterrolle beim Übergang ins "digitale Zeitalter" einnimmt, und die Zusammenarbeit mit der Frankfurter Buchmesse erweist sich als fruchtbare Kompetenzenverknüpfung, wenn es um die Ermöglichung von Literaturverfilmungen geht. Zudem zeigt sich an den informellen und strukturellen Verbindungen zum Berlinale Talent Campus, dem World Cinema Fund und vor allem dem Berlinale Co-Production Market, wie wertvoll die enge Anbindung des EFM an das Festival ist - vor allem für die Filme und Projekte, die sich hier präsentieren.
„Der Moment, in dem das Kino ganz bei Sinnen ist.“
Soviel Pragmatismus steht dem Festival gut an und wird honoriert. "Selten hat sich ein Filmfest mit solcher Geschwindigkeit von einer Glamourveranstaltung zum Arbeitsfestival verwandelt", resümieren Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler in der "Süddeutschen Zeitung". Aber sie haben auch den Moment gesehen, "in dem das Kino ganz bei Sinnen ist", einen Moment, der von auffallend vielen Beobachtern inmitten des Festivaltrubels als intensive Begegnung erlebt wurde und dem Katja Nicodemus in der "Zeit" unter dem Titel "Der Über-Augenblick" gleich drei Absätze widmet. Es ist die Szene in Valeska Grisebachs Sehnsucht, in der Andreas Müller alias Markus auf einem Feuerwehrfest völlig selbstversunken (und sturzbesoffen) auf Robbie Williams' "Feel" tanzt. Sehnsucht galt vielen als der heimliche Höhepunkt des Festivals, vielleicht auch deshalb, weil er "das Finderglück" bereitete, das Daniel Kothenschulte ("Frankfurter Rundschau") im engagierten und positionierten Kino abhanden zu kommen droht: "die Freude am Unbekannten und einer Kunst, die nichts bedeuten muss."