Prioritäten setzen
Ein wachsendes Netzwerk aus Partnerschaften und Initiativen, ein expandierender European Film Market, der starke Auftritt des asiatischen Kinos und ein thematischer Schwerpunkt auf afrikanischen Realitäten – die Berlinale 2006 zeigte ein fruchtbares Miteinander von künstlerischen Visionen, sozialem Engagement und kommerziellen Impulsen. Die Branche lobte die professionelle Organisation, erlebte die Berlinale als international und lebendig und freute sich über die Investitionsfreude der Einkäufer und Financiers.
Während das Publikum dem Festival einen neuen Besucherrekord bescherte, führten einige Beobachter eine Debatte um die „Starpower“ des Festivals und seinen Glamoureffekt. Allerdings warnten andere Kommentatoren wiederum davor, im Konkurrenzkampf um die Stars nicht die Prioritäten durcheinander zu bringen. „Die wahren Höhepunkte des Festivals müssen die Filme sein“, schrieb Katja Nicodemus in der „Zeit“. „Nur wenn das Festival souverän auf seiner filmästhetischen Kompetenz beharrt, kann es auch im Glamourgewese selbstbewusst mitmischen, ohne sich erpressbar zu machen“, meint die Kommentatorin.
In Tsai Ming-Liangs The Wayward Cloud und Alexandr Sokurovs Solnze sah sie zwei Filme, die für eine gute Berlinale typisch sind: mutige und eigenwillige Arbeiten, über die sich trefflich diskutieren lässt, die aber dem „Eventjournalismus“ wenig zu bieten hätten. „Tsai Ming-Liangs Stars heißen Lee Kang-Sheng, Chen Shiang-Chyi und Yang Kuei-Mei. Natürlich hat auf dem roten Teppich kein Fotograf ihren Namen gerufen. (…) Aber auf der Leinwand sind sie auch in der dreckigsten, armseligsten Pornoszene würdevoll und faszinierend. Sie exponieren sich uneitel, mutig, schamlos für jene Sache, um die sich ein solches Festival nicht zuletzt drehen sollte: das Kino.“