Chefsache „Deutscher Film“
Zu den Gewinnern zählte zweifellos auch die deutsche Filmbranche: Sie war so stark vertreten wie nie zuvor, mit der Perspektive Deutsches Kino war dem jungen deutschen Film (wieder) eine eigene Sektion gewidmet und auch im Wettbewerb waren gleich vier deutsche Regisseure der jüngeren Generation vertreten. Die scheinbare Harmonie konnte allerdings nicht die Interessenkonflikte in der Branche verdecken, die in der Diskussion um ein neues Filmförderungsgesetz aktuell auf dem Tisch lagen. Es drückte in diesem Jahr der Schuh des Manitu: während Bully Herbigs Westernklamauk kräftig aus den Fördertöpfen gespeist wurde, waren drei der vier deutschen Beiträge im Wettbewerb gänzlich ohne Förderung realisiert worden.
Anke Westphal schloss daraus in der „Berliner Zeitung“, dass sich „das kreative Potenzial des deutschen Films nicht nur seine eigenen Bild- sondern auch seine eigenen Arbeitswelten verschafft.“ Der gute Berlinale-Auftritt des deutschen Films geriet so in vielen Kommentaren eher zum Appell als zu einem Beleg für eine effektive Filmförderung. Mit einem Festivaldirektor Dieter Kosslick, der aus der Filmförderung kam, verbanden sich in dieser Hinsicht einige Hoffnungen.
Wieder mal: Kunst vs. Kommerz?
In der Debatte ging es um den vermeintlichen Gegensatz von Kunst und Kommerz und damit um eine Konfliktlinie, die auch in der Geschichte der Berlinale immer wieder aufgebrochen war. Neben vielen anderen stand die Frage im Raum, ob die deutsche (und europäische) Filmbranche noch stärker der „Freiheit“ des Marktes überlassen werden sollte, oder ob staatliche Subventionierung und Wertentscheidungen nicht nur notwendig, sondern auch wünschenswert seien. Die Berlinale selbst war im Vorjahr zu einer „Kulturveranstaltung des Bundes“ geworden: Aufgrund der prekären Finanzlage des Landes Berlin hatte die Bundesregierung die Verantwortung für die Berliner Festspiele GmbH und damit auch für die Berlinale übernommen. Das bedeutete größere Planungssicherheit für das Festival und galt als weiterer Beleg für die gesteigerte Bedeutung, die dem Film in der Kulturpolitik zukommen sollte.
Aber es gelang der Berlinale 2002 nicht nur, den deutschen Film wieder interessant zu machen. Auf einem „Vision Day“ präsentierte Dieter Kosslick sein Vorhaben, mit einem Talent Campus dem internationalen Filmnachwuchs eine Plattform auf der Berlinale zu schaffen. Auf den Panels des Symposiums „Framing Reality“ diskutierten internationale Gäste über stilistische Entwicklungen im zeitgenössischen Film und die Retrospektive „European 60’s“ war eine der meist beachteten in der Berlinale-Geschichte und gab Anlass zu moderierten Diskussionsrunden und Debatten, die sich dann in den zeitgenössischen Feuilletons und in Buchpublikationen fortsetzten.