Erneut und diesmal lauter als je zuvor wurde Moritz de Hadeln für die starke Präsenz von Hollywoodfilmen im Wettbewerb gegeißelt. Die Tageszeitung „taz“ forderte im Anschluss an das Festival sogar seinen Rücktritt. Bereits im Vorfeld hatte die Regisseurin Helma Sanders-Brahms die Diskussion eröffnet, indem sie das Auswahlkomitee aus Protest verlassen und in einem Interview von „faden Kompromissen“ gesprochen hatte. Tatsächlich erwiesen sich die Hollywoodproduktionen im Wettbewerb als durchschnittlich, Filme u.a. von Herbert Ross, Danny DeVito, Woody Allen, Roland Joffé und Oliver Stone, die kaum jemanden begeisterten. Selbst Oliver Stones politisch ambitionierter Born on the 4th of July | Geboren am 4. Juli wirkte durch die tagespolitische Aufregung merkwürdig unspektakulär.
Immer schon zuviel, aber doch nie genug...
Der Berlinale jedoch generell einen Strick aus dem Scheitern der US-Majors zu drehen, schien eine Wiederholung des Fehlers zu sein, den die Kritiker dem Festival ja gerade vorwarfen: Hollywood aufgrund seiner faktischen Hegemonialstellung über zu bewerten. Verteilt über das gesamte Festival, aber auch im Wettbewerb, gab es ausreichend cineastisches und thematisch belangreiches Gegengewicht, etwa Kira Muratovas skrupellose und sarkastische Bestandaufnahme der Sowjetgesellschaft in Asteniceskij Sindrom | Das asthenische Syndrom oder Alexander Rogoshkins Karaul | Die Wache, der die Missstände in der Sowjetarmee anprangerte. Und mit Heiner Carows Coming Out war auch die DDR zeitgenössisch und stark im Wettbewerb vertreten.
Die Unzufriedenheit vieler Kommentatoren entzündete sich aber auch an der Schwäche einiger europäischer Filme im Wettbewerb. Pedro Almodovars Atame! | Fessle mich! und Jacques Doillons La vengeance d’une femme | Die Rache einer Frau wurden positiv aufgenommen, dienten jedoch auch als Anlass zu Vorhaltungen: Von Filmen dieser Qualität bräuchte es mehr.
Die Sektionen bieten ein veritables Gegengewicht
Es gab mehr: Im Panorama Kathryn Bigelows umstrittener Blue Steel, oder im Kinderfilmfest etwa den österreichischen Debütfilm Tunnelkind | Tunnel Child von Erhard Riedlsperger, der in der Zeit des Prager Frühlings spielt und von der heimlichen Freundschaft zwischen einem tschechischen Grenzer und einem vaterlosen österreichischen Mädchen erzählt. Das Forum zeigte eine Werkschau von „Regalfilmen“ aus der DDR, verbotenen Werken der zurückliegenden 25 Jahre. Spannend, sehenswert auch Sergej Owtscharows Ono | Es, Gus van Sants Drugstore Cowboy und gleich zwei Filme von Aki Kaurismäki, nämlich Tulitikkutehtaan Tyttö | Das Mädchen aus der Streichholzfabrik und Leningrad Cowboys Go America, der immerhin eine schrullige Aktualität bekommen hatte.
„Von allen Künsten ist das Kino das wichtigste“, zitierte Moritz de Hadeln in seinem Festivalvorwort Lenin und positionierte die Berlinale hoffnungsvoll am Puls der Zeit. Aber möglicherweise waren es in diesem Jahr, in dem die Zukunft auf der Straße lag, andere Dinge, andere Künste, andere Orte, die nun erst einmal mehr zählten und wichtiger waren.