Berlinale: Chronik


20. Internationale Filmfestspiele Berlin
26. Juni - 07. Juli 1970

„Vielleicht werden solche Tage einmal wiederkehren. (…) Die damals diskutierten Ideen, die Begeisterung, der Schwung und der radikale Höhenflug der Gedanken, auch die damals artikulierte scharfe Kritik am Bestehenden sind ein Kapital, von dem wir in gewisser Weise heute noch zehren können, ein Modell, mit dem wir uns von Zeit zu Zeit vergleichen sollten, um eine Zwischenbilanz des Erreichten und bisher Zuwegegebrachten zu ziehen.“

(Ulrich Gregor in einer Erinnerung an den Eklat 1970 und dessen Nachwirkungen.)

© Filmmuseum Berlin
Szene aus Michael Verhoevens o.k., der einen Skandal provozierte und schließlich zum Abbruch

Die Geschichte der Berlinale ist reich an Skandalen. Heute stehen sie symbolisch für verbissene Zeiten, kuriose Zeiten, für harte Zeiten, bleierne Zeiten. Im Rückblick lässt sich aber auch der Gewinn erkennen, den das Festival, das Filmschaffen und ein Stück weit auch die Gesellschaft aus den Konflikten gezogen haben. Einmal - nur einmal, muss man sich heute wundern - wurde das Festival aufgrund eines Eklats sogar vorzeitig abgebrochen. Die Gründe waren berlinaletypisch politisch, die Folgen taten dem Festival, rückblickend, gut.

Für einige war o.k. gar nicht okay

Michael Verhoevens Film o.k. war 1970 in den Wettbewerb eingeladen worden. Nach der Premiere „neutralisierte“ die Jury den Film und forderte eine nochmalige Prüfung durch das Auswahlkomitee. Man habe Bedenken, ob der Film „die Verständigung zwischen den Völkern fördere“, wie es die Statuten der Festspiele formulierten. Ein solches Ansinnen der Jury hatte es noch nie gegeben und in der Aufregung wurde wohl auch übersehen, dass der Jury ein solcher Zug gar nicht zustand.

Der Inhalt des Films ließ jedoch nahe liegende Rückschlüsse auf die Hintergründe zu: o.k. erzählt in schmerzhaften Bildern die Vergewaltigung und Ermordung eines Mädchens durch eine Gruppe Soldaten. Obwohl Michael Verhoeven die Handlung in einer mitteleuropäischen Landschaft inszeniert, lässt der Film keinen Zweifel darüber, dass er einen authentischen Fall rekonstruiert, der sich 1966 während des Vietnamkriegs ereignet hatte und der durch die Weltpresse gegangen war. Die Ermordete war eine junge Vietnamesin, die Täter amerikanische GIs. Und der Vorsitzende der Internationalen Jury der Berlinale war der amerikanische Regisseur und Kameramann George Stevens.

Gerüchte über eine Intervention auf höchster politischer Ebene, Zensurvorwürfe, gegenseitige Anschuldigungen und ein zu zaghaftes Agieren der Festivalleitung forcierten den Konflikt. Vor allem das jugoslawische Jurymitglied Dusan Makavejev opponierte gegen den Druck des amerikanischen Jurypräsidenten. Die Jury habe den „Kurs eines Zensors“ eingeschlagen und damit ihre Vollmachten überschritten. Viele Pressekonferenzen und zahlreiche Protesterklärungen später erklärte die brüskierte Jury ihren Rücktritt. Der Wettbewerb war damit beendet, das Festival in der öffentlichen Wahrnehmung abgebrochen, obwohl einige Filme doch noch zur Vorführung kamen – sofern sie nicht aus Solidarität mit der einen oder der anderen Seite längst zurückgezogen worden waren. Auch Festivalleiter Alfred Bauer und der Leiter der Dachgesellschaft Berliner Festspiele GmbH, Walther Schmiederer, erklärten ihren Rücktritt. (Bauer kehrte zurück, Schmiederer nicht). Die Zukunft der Berlinale war ungewiss, viele Kommentatoren glaubten nicht daran, dass das Porzellan, das hier zerschlagen worden war, noch einmal gekittet werden könnte.

Scheitern als Chance?

Noch mitten in der Erschöpfung des Eklats hatte der Berliner Kultursenator Stein die Hoffnung geäußert, die Berlinale stehe nach den heftigen Auseinandersetzungen „eher vor einem Anfang, über die Förderung des künstlerische wertvollen Films weiter nachzudenken.“ Tatsächlich war der Eklat um o.k. nur der Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen brachte, das bereits zuvor randvoll gewesen war. Schon während das Festival 1970 noch lief, in den Tagen vor seinem Abbruch, wurden Diskussionsveranstaltungen und Hearings veranstaltet. Dabei ging es bereits weniger um das Für und Wider zu Michael Verhoevens Film, sondern um die grundsätzlichen Ausrichtung des Festivals: die Vor- und Nachteile das „A-Status“, die noch immer mangelhafte Repräsentanz des künstlerischen und alternativen Films, den zunehmenden Einfluss kommerzieller Erwägungen auf inhaltliche Entscheidungen.

Auf dem Höhepunkt der Krise gab es also bereits erste Überlegungen, wie ein zeitgemäßes Festival aussehen könnte. Die Freunde der deutschen Kinemathek hatten schon 1969 eine Art Gegenfestival zur Berlinale veranstaltet. Auch 1970 wurde im damals neu gegründeten Kino Arsenal ein Programm „aus Anlass der Berliner Filmfestspiele“ organisiert, das inhaltlich und konzeptionell bereits vieles praktizierte, was dann in den folgenden Monaten breit diskutiert wurde und Eingang fand in eine neu strukturierte Berlinale. Das Gegenfestival konnte planmäßig zu Ende geführt werden. Das „Neue“ hatte Vorfahrt, das „Alte“ war erst einmal gegen die Wand gefahren.