Die Jungen geben den Ton an
Die „neue Generation“ ist auf der Berlinale präsent und zeigt ihr Profil: Es laufen Filme von Satyajit Ray, Jean-Luc Godard, Carlos Saura und Roman Polanski und im Publikum wird eine neue Lust auf Diskussion spürbar. Die Themen die bewegen, haben die Leinwände der Berlinale erreicht und die Zeitgenossen stellen eine deutliche Veränderung des Festivals fest: Das Publikum wird jünger, die Haare länger, der Starrummel flaut ab, das Klima wird ernsthafter. Das Medium hat sich emanzipiert vom Zwang zur Unterhaltung und ist zu einem Mittel der Debatte geworden.
Es beginnt die Zeit der Podiumsdiskussionen. Eine fragt: „Welche Zukunft hat der Film?“ und versammelt Peter Schamoni, Roman Polanski, Pier-Paolo Pasolini, Satyajit Ray, Jean-Paul Rappeneau und Volker Schlöndorff auf der Bühne, um sie gemeinsam nach einer Antwort suchen zu lassen. Aber die Zukunft hatte gerade erst begonnen und noch fühlte sich keiner zu verbindlichen Prognosen bereit. Stattdessen beruft man sich auf die Gegenwart, an der es zu arbeiten gelte. Es ging um die konkreten Produktionsbedingungen, unter denen Filme entstehen, und um die ästhetische und gesellschaftliche Herausforderung durch das Fernsehen. Das „Konkurrenzmedium“ hatte sich etabliert, die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin und die Hochschule für Fernsehen und Film in München hatten kurz zuvor den Lehrbetrieb aufgenommen. Filme machen konnte man jetzt studieren.
Argumentationslinien, Frontverläufe
Bereits im Vorfeld war heftig und öffentlich debattiert worden. Ulrich Gregor hatte vom Auswahlausschuss in den Beirat der Berlinale gewechselt und über seine Nachfolge gab es Streit. Das Bundesinnenministerium berief den Kritiker Dieter Strunz von der „Berliner Morgenpost“. Aber auch unter den Kritikern gab es Lager - man sprach von „Schulen“ - und Enno Patalas, Mitstreiter Gregors, protestierte gegen die Berufung Strunz’. In mehreren Beiträgen in der Filmkritik polemisierte er in ungewohnter Schärfe gegen den Kollegen, schnitt dabei aber auch grundsätzliche Fragen über Identität und Struktur der Berlinale an, die auch in den Folgejahren immer wieder diskutiert werden sollten. Er forderte die Emanzipierung von den „Vorbildern“ Cannes und Venedig. Die Berlinale solle sich auf ihre Stärken besinnen und ein Festival „anderen Stils“ werden.