Berlinale: Chronik


13. Internationale Filmfestspiele Berlin
21. Juni - 02. Juli 1963

„Unseres Erachtens wären die Kritiker durchaus für eine Mitarbeit zu gewinnen, zumal sie ein Interesse daran haben müssten, praktische Erfahrungen in der Festspielarbeit zu sammeln, deren Fehlen sie bisher häufig den dafür Verantwortlichen vorgeworfen haben.“

(Aus einem internen Positionspapier zur „Identitätskrise“, in der sich die Filmfestspiele befanden.)

Aznavour, Constantine, Poitier (1963)
Charles Aznavour, Eddie Constantine, Sidney Poitier

Ratlosigkeit und radikale Vorschläge

Auch die Berlinale 1963 wies keinen gangbaren Ausweg aus der inhaltlichen Krise des Festivals. Kaum ein Film konnte begeistern, Alain Robbe-Grillets L’Immortelle, Nicos Koundouros Mikres Aphrodites | Kleine Aphroditen und Ralph Nelson’s Lilies of the Field, für den Sidney Poitier seinen zweiten Silbernen Bären bekam, waren allenfalls interessant. Sowohl beim Senat als auch bei der Festspielleitung herrschte weitgehend Ratlosigkeit darüber, wie man Abhilfe schaffen sollte.

Es wurde eine Reduzierung des Programms diskutiert und sogar darüber nachgedacht, das Festival nur noch alle zwei Jahre statt jährlich stattfinden zu lassen. Dieser Vorschlag wurde per Senatsbeschluss jedoch abgelehnt. In der Begründung ist vom Anspruch auf eine „kontinuierliche Dokumentation der Entwicklung der Filmkunst“ die Rede, der „gerade jetzt von entscheidender Bedeutung“ sei, da „ die Auseinandersetzung mit dem Fernsehen und das Heranwachsen einer neuen Generation von Filmschaffenden den Film in zunehmendem Maße auf seine künstlerische Eigengesetzlichkeit zurückführen“. Umständliche Worte zwar, aber dennoch ein Bekenntnis, das Festival mit der Zeit gehen zu lassen.

TV Brücke in den Ostteil der Stadt
Stilblüte im Schatten der Mauer: Eine "TV-Brücke" soll den Kontakt nach Ost-Berlin aufrecht halten.

Der Versuch, mit der Zeit zu gehen, trieb jedoch auch Stilblüten: Eine Neuerung auf der Berlinale 1963 war die so genannte TV-Brücke, eine von Friedrich Luft moderierte tägliche Sondersendung für Bewohner Ost-Berlins, die die Teilung der Stadt symbolisch überwinden sollte, indem sie ein Teil des Berlinale Programms in den Äther schickte. Rückblickend ein Kuriosum, für die Zeitgenossen jedoch eine brisantes Politikum, das vor allem Alfred Bauer ein ernsthaftes Anliegen war.

Alfred Bauer plädiert für Kontinuität

Wie schwierig es war, die Berlinale im Spannungsfeld zwischen Politik, wirtschaftlichen Interessen, künstlerischem Anspruch und einem sich verschärfenden Konkurrenzkampf zwischen den Festivals tatsächlich auf neue Bahnen zu bringen, zeigt auch ein Artikel, den Alfred Bauer kurz vor dem Festivalbeginn im Berliner „Tagesspiegel“ veröffentlichte. Bauer verteidigt darin vor allem das bislang Erreichte und pocht auf die Erfolge der Vergangenheit. Er beharrt auf der „ideellen Natur“ seiner Aufgabe, ein künstlerisches Ereignis wie die Berlinale zu organisieren, und wirbt alles in allem für Kontinuität. Auch an seiner Person wurde zu dieser Zeit immer wieder Kritik geäußert.

Der apologetische Duktus ist da vielleicht verständlich, macht aber auch klar, warum sich viele junge deutsche Filmemacher von der Berlinale abwandten und es in den Folgejahren sogar zu Boykottaufrufen kam. Alfred Bauer tat sich schwer damit, einen Generationswechsel anzuerkennen. Im Anschluss an das Festival kam von verschiedenen Seiten die Anregung, junge Filmkritiker wie Enno Patalas und Ulrich Gregor an der Programmarbeit zu beteiligen. Aber diese hatten sich ja nicht nur als kompetente Kommentatoren des Festivals erwiesen, sondern waren auch seine schärfsten Kritiker und Alfred Bauer zögerte noch damit, sie auch in die Verantwortung zu nehmen.